Frau Schletterer singt nicht mehr

23
De
Ach herrje!
23.12.2019 09:50

Gestern besuchte ich meiner Partnerin zuliebe ein „Gospel-Konzert zum 4. Advent“. Auch sie interessierte sich vor allem deswegen dafür, weil wir den Chor, der da sang, vor vielen Jahren schon einmal gehört und damals für gräßlich befunden hatten. Da der Chor aber seit einigen Jahren einen neuen Leiter hat, wollte sie gern wissen, ob die Truppe mittlerweile stimmliche und musikalische Fortschritte gemacht hat.
Ich komme ja vom klassischen Gesang, empfinde für Gospel also eher kühle Gefühle. Wenn ein Chor das aber gut macht, kann auch mir diese Art der Musik gut gefallen. Also ging ich hoffnungsfroh mit ins Konzert.
Was soll ich sagen? Die „Kirchies“ (Name von der Redaktion modifiziert, damit nach meiner Meinung, die ich im folgenden kundtun werde, nicht gegoogelt werden kann) haben sich gestern als das präsentiert, als was ich sie in Erinnerung gehabt hatte: als eine Truppe von Leuten, die weder singen noch gestalten können.
Gottlob hat die enorm große Publikumsschar kräftig mitgeklatscht und –gejohlt, so konnte man den Chor nur sehr schwer hören. Und auch der viel zu laut verstärkte Baß und das Schlagzeug übertönten die Sänger in einer Weise, die mir zunächst störend erschien, bis mir klar wurde, daß diese beiden dumpf im Ohr dröhnen zu hören das kleinere Übel war.
E. und ich waren uns einig, daß der Chor seine Stücke nicht in einer Weise dargeboten hatte, aus der man hätte heraushören können, daß er dafür geprobt hatte; nein, es klang vielmehr wie eine Horde fröhlicher Menschen, die aus einer Laune heraus am Lagerfeuer zusammengekommen waren und beschlossen hatten, spontan ein paar Lieder miteinander zu singen. Weder setzten die Stimmgruppen jeweils in sich geschlossen ein, noch sangen sie sorgfältig in gleicher Tonhöhe, und von sängerischer Gestaltung wollen wir gar nicht zu träumen anfangen… Es war ein Graus.
Und zu allem Elend war es nicht einmal ein Gospel-Konzert!
Wenn ich für ein Konzert Eintritt bezahle, dann wünsche ich mir, daß ich ein Programm angeboten bekomme, das ich nicht erleben könnte, wäre ich daheim geblieben. Gestern aber war ich in einer Veranstaltung gelandet, in der der „Chor“ (ja, ich setze das Wort jetzt sogar in Gänsefüßchen!) gemeinsam mit dem Publikum „Oh du fröhliche“ und „Oh Tannenbaum“ sang. Und wenn, wie gestern, das Publikum es obendrein auch noch besser macht als die, die auf der Bühne stehen, dann will ich umgehend mein Geld zurück! Zumal ich vom einstimmig gesungenen, fröhlichen Tannenbaum auch allein zu Hause trällern kann, und da koscht‘s mich nix!
Vor dem Konzert hatte das Publikum, das unglaublich, ja nachgerade wahnsinnig zahlreich erschienen war, ungeduldig auf Einlaß gewartet. Alle waren in euphorischer Vorfreude gewesen, und wieder einmal kann ich mir das nicht erklären. Die „Kirchies“ sind eine derart beliebte „kulturelle“ Größe in der Stadt, daß ich anfange, das musikalische Bildungsangebot der Region in Frage zu stellen, von dem ich bisher eigentlich immer die allerbeste Meinung gehabt hatte.
 

Virtuelle Mode

Kommentare


Datenschutzerklärung