Frau Schletterer singt nicht mehr

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August 2012
31.08.2012 14:56

31. August 2012 

 

Choristenplaudereien

 

Ich gehöre zu den Leuten, die einer in der Chorwelt weit verbreiteten Gewohnheit anhängen, nämlich während der Proben stets neben derselben Person auf etwa demselben Platz zu sitzen. Ich brauche das, ohne mein gewohntes Umfeld fühle ich mich nicht wohl.

Und wie ich da ein paar Minuten vor Beginn der letzten Probe so saß, füllte sich auch die Reihe vor mir mit den immer selben Leuten auf den immer selben Plätzen.

Nur Frau Bausteller ist da eine Ausnahme: sie kommt immer pünktlich, nie ist sie zu spät, aber doch hat sie nie ihren Platz schon eingenommen, wenn Herr Hölzel zum Einsingen aufruft. Denn Frau Bausteller ist sehr kommunikativ; sie ist nicht etwa deswegen frühzeitig da, um den besten oder den gewohnten Stuhl einzunehmen, sondern um vor der Probe schon ausgiebig mit Gott und der Welt zu plaudern. Und wenn wir dann anfangen wollen, gerät sie in Hektik und sucht nach dem letzten noch freien Stuhl, der natürlich nie da steht, wo sie gern sitzen möchte. Mal ist es ihr zu nah am Sopran, mal zu dicht am Tenor, und in der ersten Reihe fühlt sie sich natürlich auch nicht wohl. Eigentlich will sie immer genau da sitzen, wo Frau Wassermann und ich immer schon sitzen. Sie ging ein Mal sogar so weit mich aufzufordern, sie auf meinen Platz zu lassen, weil sie – wie gesagt – nicht neben dem Sopran singen kann. Als ich ihr Begehr ablehnte, warf sie mir Unhöflichkeit vor. Mit der Erkenntnis, dass Frau Bausteller mich unhöflich findet, weil ich – genau wie sie – einen bestimmten Platz einem anderen vorziehe, kann ich jedoch gut leben.

Und so furchtbar findet sie mich ja auch offenbar gar nicht, denn in der letzten Probe setzte sie sich neben mich in die zweite Reihe (der Stuhl war ausnahmsweise noch frei) und seufzte: „Ich komm jetzt mal zu Ihnen, denn da vorn reden sie immer nur über Krankheiten. Schrecklich!“ Ich lächelte und antwortete: „Ja, ich ertappe mich selbst auch schon immer öfter dabei, dass ich von meinen Zipperlein rede.“ Sie nickte gewichtig, womit sie – wie ich schnell merkte – mir nicht bestätigen wollte, dass ihr das auch schon aufgefallen war, sondern um einzuleiten, was ihr auf dem Herzen lag: „Ja, es ist schlimm. Schon seit Monaten tut mir mein Knie so weh, das zieht bis hiiiier rauf“ – dabei deutete sie irgendwie diffus auf ihre Hüfte – „und sie finden einfach nicht raus, woran es liegt. Ich krieg schon ständig Spritzen ins Knie und ins Kreuz, aber da hilft einfach nichts. Ich weiß nicht, ob ich das Konzert überhaupt mitsingen kann, ich kann ja gar nicht mehr richtig stehen!“

Das tat mir nun von Herzen leid, aber mir kam auch der Verdacht, dass sie sich nicht deswegen neben mich gesetzt hatte, weil sie das Thema „Krankheit“ leid war, sondern weil sie bei mir in der zweiten Reihe damit überhaupt zu Wort kam! „Die da vorn reden immer nur über Krankheiten“ sollte wohl bedeuten „und mir hören sie überhaupt nicht zu!“

Nun gut, irgendwann kam dann auch Frau Wassermann, und der Stuhl rechts von Frau Bausteller war auch bald besetzt, so dass sowohl ich als auch sie einige Ablenkung vom schmerzenden Knie bekamen und weit erquickendere Unterhaltung im Gesang und in anderen Themen mit anderen Leuten fanden.

 

 

 

29. August 2012 

 

Der Anfang vor dem Anfang

 

Dass ich einmal eine große Gesangskarriere machen würde, dessen war ich mir genau 20 Minuten meines Lebens lang sicher! Der Traum verpuffte innerhalb weniger Sekunden.
Es ist schon sehr lange her – ich muss noch im Kindergartenalter gewesen sein – da besuchte ich die jährliche Kinderfasnachtsveranstaltung unserer Kirchengemeinde. Und in jedem Jahr veranstalteten sie dort irgendeinen Wettbewerb. Mal waren es die Kostüme, die prämiert werden konnten, in jenem Jahr aber hatten sie sich für ein Wettsingen entschieden.

Überzeugt von meinen guten Chancen in dieser Sache meldete ich mich frohgemut an. Der Saal war voll, und doch trug ich meinen Song selbstbewusst und mit klarer und kräftiger Stimme vor:

Der Leeeehrer in der Schule
erzählt bald dies, bald das:
zum Lauuuufen sind die Füße,
zum Riechen ist die Nas‘.
Da sprach der kleine Fritzel:
„Herr Lehrer, das ist mies!
Mei’m Vaaaater läuft die Nase,
und riechen tun die Füüüüß!“

Die Menge johlte, weil ihr der Text und mein Vortrag unglaublich gut gefielen, und der Sieg war mir im Grunde nicht mehr zu nehmen!

Bis zu dem Moment, in dem ein noch kleineres Kind als ich die Bühne betrat. Es hatte sich verspätet angemeldet, hätte also im Wettbewerb eigentlich gar nicht mehr auftreten dürfen. Aber ich musste damals lernen, dass Erwachsene sich nur sehr schwer dem Charme eines Kleinkindes entziehen können. Es wurde regelwidrig verspätet zugelassen!

Zunächst witterte ich keinerlei Gefahr. Wie konnte so ein kleiner Wurm mir, die ich so famos brilliert hatte, je das Wasser reichen?!

Und so war es auch: das Kind sang gar schröcklich! Ach, singen kann man das im Grunde gar nicht nennen, was dieses Mädchen da von sich gab! Es quäkte und piepste, eine Melodie war nicht zu erkennen.

Ich wähnte mich als sichere Siegerin!

Aber ach! Die zweite Lektion, die ich an jenem Tag lernte, glich der ersten: die Leute können sich dem Charme eines Kleinkindes nicht entziehen.

„Miss Nebelhorn“ wurde zur Siegerin erklärt, und mir wurde nahegelegt, dem armen Kind die Freude doch nicht zu verderben! Wo es sich doch soooo viel Mühe gegeben hatte!

Und was war mit mir? Hatte ich mir etwa keine Mühe gegeben?? Wer nannte mich ein „armes Kind“?

Es war zum Mäusemelken!

Wettbewerbe aller Art, besonders jene, bei denen ich mich eigentlich völlig sicher fühle, sind mir seither ein Gräuel, und ich vermeide sie, wo ich nur kann.

Vielleicht bin ich deshalb keine Sängerin geworden? Weil ich nicht penetrant genug bin?

 

 

 

24. August 2012

 

Nächste Woche keine Probe 

 

Von Frau Wassermann habe ich Ihnen ja schon einmal erzählt. Davon, wie organisiert sie ist und auf alle Unwägbarkeiten während eines Konzerts vorbereitet. Dazu passt auch gut, dass sie im Grunde recht zuverlässig zur Probe erscheint, während der Singstunde immer aufmerksam und engagiert bei der Sache ist und nicht zu denen gehört, die jede paar Sekunden nutzen, die sich bieten, weil z. B. gerade nur der Sopran eine Passage probt, um mir (resp. dem Nachbar) rasch noch diese oder jene Episode zu erzählen. Das spart sie sich für die richtige Pause auf.

Sie ist im Grunde also eine Choristin, wie man sie sich nur wünschen kann: sie ist still, vernünftig, stört nicht die Probe, arbeitet mit und albert nicht herum. Ihr würde z. B. auch nie öffentlich das Gemüt überschwappen und ein Seufzer „Haaach, ist das schön!“ entfahren, wenn ihr ein Stück besonders zu Herzen geht, wie mir das schon ab und zu mal passiert.

Eine erstaunliche Wandlung geht allerdings in ihr vor, wenn verkündet wird, dass in der nächsten Woche die Probe ausfällt oder nur die Männer dran sind. Dann breitet sich ein Strahlen auf ihrem Gesicht aus, die Augen leuchten, sie lächelt beseelt und haucht „Oh, wie schön!“

Letzte Woche war wieder so ein Moment, als Herr Hölzel uns mitteilte, dass er in der nächsten Probe nur die Männer erwartet. Ich musste lachen, als ich Frau Wassermann so glücklich sah, und sagte grinsend: „Wenn man dir so zuhört in diesen Momenten…“ - ich patschte kindlich in die Hände, hob meine Stimme auf Grundschülerklang und quäkte: „Juhuuu, keine Probe!“ – „…dann staunt man schon, dass du hier mitsingst, wo es dir doch so gaaaaar keinen Spaß macht.“

Da musste Frau Wassermann aber doch lachen – das war ihr wohl noch nie aufgefallen, dass sie das immer als gute Nachricht aufnimmt, wenn die Probe mal entfällt. Denn eigentlich, nein: ganz offensichtlich singt sie ja gern, sonst würde sie es nicht so regelmäßig tun. 

Doch wie wir da so miteinander kicherten, schaute ich mich um und was sah ich? Ein erfreutes Frauenantlitz neben dem anderen! Die Damen waren happy:

„Probenfrei“! Wie schön!

 

 

 

20. August 2012

 

Frau Wichtig  

 

Woran erkennen Sie den Wechsel der Jahreszeiten? An den Bäumen, den Blumen, dem Aggregatszustand des Niederschlags und dem sich ändernden Belegungsgrad der Schwalbennester unter Ihrem Dach?

Das Nahen des Herbstes erkenne ich persönlich daran, dass Frau Sliderly aus ihrem Loch gekrochen kommt, weil ihr eingefallen ist, dass in wenigen Wochen ja das jährliche Konzert unseres Chores ansteht. So auch dieses Mal wieder! Man sieht sie das ganze restliche Jahr über nicht in der Probe, aber kurz vor dem Endspurt zeigt sie sich in 2 – 3 Singstunden („Das/den/die [hier Oratorium/Chorwerk Ihrer Wahl einsetzen] hab ich ja im Repertoire!“) und stellt sich dann im Konzert auf die Bühne und tut so, als gehöre sie zu uns.

Frau Sliderly verfügt über einen gewissen Bekanntheitsgrad in unserer Stadt, und vor einiger Zeit entblödete sie sich sogar nicht, in einem Zeitungsinterview – nach ihren Hobbys befragt – zu verkünden, das Singen in unserem Chor gehöre dazu. Ha! Als ich das las, ging mir der Hut hoch! Ein interessantes Hobby hat sie da: die Probenarbeit anderen überlassen und den Applaus dafür aber ebenfalls einstecken!

Fast bei jedem Konzert gibt es Sängerinnen und Sänger, die erst spät in der Probenphase dazustoßen, um z. B. den Sopran oder die Männerstimmen zu verstärken. Das ist auch völlig in Ordnung so, denn entweder werden sie von H. Hölzel extra darum gebeten, oder sie fragen höflich an, ob sie noch mitsingen dürfen.

Wenn es sich aber jemand genau wie Frau Sliderly zur Gewohnheit macht, immer kurz vor dem Konzert wie ein Schachtelkasper aus seiner Box zu springen, sich ansonsten die Pein regelmäßiger Proben aber nicht zuzumuten, dann werde ich böse.

Beim letzten Konzert erlebte ich dazu sogar den Gipfel der Dreistigkeit:

Frau S. hatte wieder nur die letzten Proben besucht (und davon auch nicht alle), und die Generalprobe war im Begriff zu beginnen. Frau Sliderly war nicht da.

„Ah!“, dachte ich naiv, „sie hat es wohl eingesehen, dass man das so nicht macht und ist zu Hause geblieben.“ Weit gefehlt! Kaum hatte ich nämlich zu Ende gedacht, sprach mich Frau Lunes an: „Vor Ihnen ist grad so eine schöne Lücke. Bitte halten Sie die frei, damit sich Frau Sliderly da morgen im Konzert hineinstellen kann. Sie ist heute leider verhindert.“ 

Da riss irgendetwas in mir; ich fletschte die Zähne und knurrte: „Sie soll es ja nicht wagen, überhaupt in meine Nähe zu kommen, geschweige denn, sich neben oder vor mich zu stellen! Wenn sie sich bequemen würde und den Anstand hätte, wenigstens in der Generalprobe zu erscheinen, dann bräuchte sie um ihren Platz auf dem Podest nicht zu fürchten!“

Frau Lunes riss die Augen auf, und ich schloss daraus, dass sie solche Offenheit nicht gewohnt war. Sie murmelte irgendwas Erstauntes vor sich hin und ließ das Thema dann fallen.

Mir egal; auf jeden Fall stand Frau Sliderly anderntags irgendwo hinten zwischen Geländer und Tenor.

Wenn sie noch ein Mal in der Probe den Mund auftut und – wie in der letzten – einen Fehler des Alts anprangert, wo gar keiner war, dann weiß ich nicht, was ich tu.

 

 

17. August 2012

 

Neue Wege

 

Diese Woche waren endlich die Ferien vorbei, und wir hatten unsere erste Probe.

Ganz passend probten wir zu Beginn wieder den Schlusschor, der uns auf Anhieb erstaunlich gut gelang. Der Fuge waren wir diesmal einigermaßen gewachsen, und wir schafften es gut bis kurz vors Ende. Dort angekommen waren wir wohl alle so glücklich und von Schaffensdrang beseelt, dass wir, ohne uns vorher abgesprochen zu haben, gemeinsam mal völlig neue Wege gingen.

Ich weiß nicht, ob Sie sich an diese Schreibübungen in den ersten Klassen nach der Grundschule erinnern, bei denen die Lehrer den Schülern eine Geschichte vorlesen und sie dann auffordern, kreativ zu werden und sich ein alternatives Ende auszudenken, um der Geschichte vielleicht eine völlig neue und dennoch passende Wendung zu geben. Dabei kam oft sehr überraschendes heraus, und man konnte manches Mal daran ablesen, welchen Ausgang sich ein Schüler tatsächlich gewünscht hätte.

Eine schöne Kreativitätsübung sind auch diese Sachen, wo mehrere Personen gemeinsam z. B. ein Märchen schreiben, indem der eine die ersten 2 Seiten schreibt und der nächste die Handlung dann weiterführt. Bis der zehnte Autor seinen Teil fertig geschrieben hat, steht da eine völlig andere Geschichte auf dem Papier, als der Beginnende vielleicht im Sinne gehabt hat.

In unserer Probe nun begann wie auf Kommando ab dem zehntletzten Takt des Amen-Teils der Fuge eine famose Kombination aus diesen beiden Ansätzen. Die einen schrieben das Ende einfach um, andere schienen das fortzusetzen, was dritte wiederum begonnen hatten, und heraus kam eine Variante der Mendelssohn‘schen Schlusswendung, die in der Zwölftonmusik des 20. Jahrhunderts ihresgleichen sucht.

Das Gelächter war natürlich groß, und Herr Hölzel bestand wenig überraschend darauf, dass wir uns doch notengetreu an die Vorgaben des Komponisten hielten und die Passage noch einmal sangen.

Am Ende der Probe war klar: es wird wohl doch darauf hinauslaufen, dass wir den „Elias“ weitgehend „unbearbeitet“ aufführen, und mich beschlich das leise Gefühl, dass Herr Hölzel darüber sehr erleichtert ist.

 

 

10. August 2012

 

Erinnerungen

 

Morgens, auf dem Weg zur Arbeit, höre ich immer Radio. Bei mir läuft immer ein Sender, der um diese Zeit eine recht unterhaltsame Mischung aus Klassik, Jazz und irgendwie kultigem Pop bringt. Und erst neulich wieder hörte ich dabei ein Chorstück, das mir bekannt vorkam. Mir war sofort klar, dass ich das auch schon mal gesungen hatte. Aber mir wollte einfach nicht einfallen, wann und mit welchem Chor das damals war. Bei meinem Grübeln wurde mir dann bewusst, wieviele Sachen ich in meinem Leben schon gesungen, geflötet und gezupft, und wieviel davon ich sicherlich auch schon wieder vergessen habe. Ich erkenne sie oft dann erst wieder, wenn ich sie im Konzert oder im Radio wieder höre.

Und wie ich da so saß und mich in Erinnerungen verlor, fiel mir wieder das wohl schrillste Musikprojekt ein, bei dem ich je mitgemacht habe.

Ich war noch Schülerin und sang im Schulchor mit. Der Leiter des Chors, mein Musiklehrer, war dafür bekannt, ein wenig anders zu sein als andere. Er rauchte Zigarre, wo er ging und stand, und scherte sich dabei herzlich wenig um das generelle Rauchverbot auf dem Schulgelände. Pädagogik nach der Lehre, die man auf der Uni lernt, war ihm ebenfalls völlig schnurz. Er war Musiker. Punkt.

Er war zwar natürlich irgendwie daran interessiert, uns mit einem gewissen Wissen in Musik auszustatten. Gelernt habe ich von ihm aber vor allem, dass Schubert an Syphilis verstorben war, und dass irgendein anderer berühmter Komponist seinen amourösen Widersacher in seiner Orgel eingesperrt und mit Messern bedroht hatte. Grundlagenwissen in Harmonielehre stand wohl auch auf dem Lehrplan, aber das fand er offenbar nicht allzu wichtig, und er strapazierte uns nicht wirklich damit, zumal niemand von uns Schülern Musik als Prüfungsfach gewählt hatte. Er wollte, dass es uns Spaß macht - was ihm aber nur bei denen wirklich gelang, die in seinem Chor mitsangen.

Um nun zu dem schrillen Musikprojekt zurückzukommen, muss ich erwähnen, dass Schubert, bevor er an Syphilis starb, u. a. ein paar Sinfonien geschrieben hatte. Eine davon hatte es meinem Lehrer offenbar besonders angetan, denn er beschäftigte sich intensiv damit, und er machte sich die Mühe, sie als vierstimmige Messe für Frauenchor zu adaptieren.

Das allein mag schon staunen machen, das wirklich Außergewöhnliche daran war aber die Instrumentierung: die Singstimmen wurden begleitet von Cembalo und Akkordeon!

 

Akkordeon! Das kannte ich damals nur als Schneewalzer-Dudelkasten; ich war völlig überfrachtet mit Vorurteilen gegenüber diesem Instrument und konnte mir nicht vorstellen, wie man mit „so etwas“ ernsthaft Musik machen sollte! Für mich war das Akkordeon der Inbegriff des nicht ernstzunehmenden Kinderinstruments, mit dem sich die Sprösslinge der Musikantenstadl-Fraktion herumplagen mussten. Für mich kam das gleich hinter Melodica, auf die ich ebenfalls herabschaute.

Herr E. wollte also tatsächlich ein zartes, edles Cembalo gegen ein derbes Akkordeon anspielen lassen und das Ganze auch noch mit Gesang kombinieren.

Wie war ich überrascht, als wir die erste Probe mit den Instrumentalisten hatten! Ich war damals in der Pubertät, und entsprechendes Gekicher begleitete die ersten Töne, die Akkordeon und Cembalo gemeinsam anstimmten. Es klang total fremd, „strange“ sagt man da heute wohl, aber irgendwie doch auch faszinierend.

Vor allem der Akkordeonspieler beeindruckte mich aber, denn er spielte so zart und fein, dass es den Klang des Cembalos nicht übertönte und „platt machte“, sondern ausgewogen mit ihm musizierte. Seither denke ich völlig anders über dieses Instrument und bin beeindruckt von seinen Möglichkeiten und seiner Komplexität.

Die Weltöffentlichkeit hat die „Schubert-Messe für vierstimmigen Frauenchor, Cembalo und Akkordeon, basierend auf der Sinfonie XY“ nie zu hören bekommen und schon gar nicht bejubelt und meinen Lehrer damitreich gemacht, aber zumindest die Uraufführung (und damit die überhaupt einzige Aufführung des Werks) fand Gehör und hat einer Gruppe junger Mädchen Spaß gebracht.

Ich hatte erst kürzlich die Noten dazu in der Hand; vielleicht sollte ich mal auf die Suche gehen, ob sich nicht Leute finden lassen, die in memoriam Herrn E. dieses Stück wieder auferstehen lassen wollen.

Nachtrag:
"Missa Carminum - eine sinfonische Kitschmesse verfaßt von Hans Peter Eisenmann (den Herren Dr. Johannes Brahms, Dr. Anton Dvorak, Dr. Felix Mendelssohn, Dr. Josef Haydn und Herrn Musikdirektor Franz Schubert verdankt diese Arbeit unschätzbare Beratung)". Genau so, und nicht anders, lautet die Inschrift auf dem Deckblatt der Messe. Es war also nicht nur Schubert, der als Inspiration diente, sondern auch andere werte Herren lieferten meinem Lehrer Stoff für seine Messe.

 

 

2. August 2012

 

Engelsleier – oder wie hieß das nochmal?

 

In der Saure-Gurken- und Sommerferienzeit, die ich grad erlebe bis zur nächsten Chorprobe (in der sich hoffentlich dann auch wieder ein berichtenswertes Anekdötchen ereignen wird), kann ich eigentlich ja auch mal von etwas anderem erzählen, dachte ich mir gerade.

Und da ich in meinem letzten Eintrag ja von exotischen Instrumenten geschrieben habe, deren Namen weniger an Musik als an ein medizinisches Problem denken lässt, möchte ich heute von einem anderen, bisher ebenfalls noch exotischen Instrument erzählen, dessen Namen an zarte Märchenwesen erinnert: die Veeh-Harfe.

‚Veeh‘ spricht man wie ‚Fee‘ aus, und der warme und dennoch glockenhelle Klang stützt diese Assoziation aufs feinste.

Ein Fernsehbericht im Bayerischen Dritten, den ich im Spätjahr 2011 sah, hat mich auf dieses wunderbare Instrument aufmerksam gemacht. Ich habe damals beim Rumzappen dazugeschaltet, als ein kleines Orchester, besetzt mit Veeh-Harfen, Streichinstrumenten und – wenn ich mich recht erinnere – auch Blockflöten, gerade eine gar liebliche Weise vortrug.

Wer mich persönlich kennt, könnte hinter dieser Formulierung leisen Spott vermuten – tatsächlich empfand und hörte ich aber genau das: eine gar liebliche Weise! Ich war völlig verzückt und sofort sehr fasziniert.

Aus dem Fernsehbericht erfuhr ich, dass der Erfinder dieser Harfe Landwirt ist und jahrelang an der Entwicklung des Instruments getüftelt und gearbeitet und nicht locker gelassen hat, um seinem Sohn, der mit Down-Syndrom zur Welt gekommen war, die Möglichkeit zu eröffnen, selbst mit einem zwar relativ einfach zu handhabenden, aber „trotzdem“ zauberhaft klingenden Instrument Musik zu machen.

Was soll ich sagen? Es ist ihm überwältigend gut gelungen!

Natürlich sah ich auf den Fernsehbildern, dass sich das Veeh-Harfen-Ensemble aus Musikern mit und ohne Behinderung zusammensetzte. Das war mir aber ehrlich gesagt völlig wurscht; mich beeindruckte spontan nicht dieses auf hohem Niveau stattfindende Zusammenspiel von Menschen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, sondern einzig und allein die Musik, die ich hörte! Das klang so wunderschön, und die Instrumente sahen so fremd für mich aus, dass ich ganz genau hinhörte.

Ich schaltete an diesem Tag den Fernseher aus mit dem Vorsatz, im Internet ein wenig genauer nachzuforschen. Leider vergaß ich das damals aber recht schnell wieder, was ich heute gar nicht mehr nachvollziehen kann.

Im Januar dieses Jahres aber fiel mir das alles wieder ein, als ich bei einem Familiengeburtstag mit meiner Nichte plauderte. Sie hatte vor Studienbeginn in München ein FSJ in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung absolviert und erzählte mir von dieser Zeit. Und da kam mir irgendwie dieser Fernsehbericht wieder in den Sinn, und gemeinsam ‚soochten‘ wir im Internet nach diesem Zupfinstrument, das ich seinerzeit gesehen hatte. Aber ach, mir wollte der Name nicht mehr einfallen; ich wusste nur noch, dass es irgendwie mit Elfen oder so zu tun hatte. Über den Suchbegriff „Engelsharfe“ wurde ich dann fündig! Außer mir war es noch jemandem so ergangen, dass er diese Assoziation gehabt und sie in seinem Text über die Veeh-Harfe erwähnt hatte. Hurra, Bingo!

Wir suchten und klickten hier, klickten da und schauten uns mehrere Videos im Internet an, in denen Veeh-Harfen-Ensembles Musik machen. Und diesmal vergaß ich weder den Namen des Instruments noch die URL der Firma, die es produziert.

Es wird zwar sozusagen in jedem Bericht, der im Internet zum Thema zu finden ist, betont, dass auch Leute, die noch nie in ihrem Leben ein Instrument erlernt haben oder keine Noten lesen können (oder beides), das Spiel auf einer Veeh-Harfe recht schnell lernen können. Dass das ganz so banal, wie man aus solchen Aussagen schließen könnte, aber nicht ist, wurde mir mit jedem Video, das ich ansah, immer klarer.

Um nun zum Punkt zu kommen: ich bestellte im Februar meine Veeh-Harfe und natürlich auch eine erste Notenmappe.

Wie war ich aufgeregt, als das Paket eintraf!

Da ich Noten lesen kann und ja bekanntermaßen einige Erfahrung im Musikmachen habe (ich singe nicht nur schon sehr lange im Chor, sondern habe als Kind und Jugendliche auch zwei Instrumente lernen dürfen), erschloss sich mir das Prinzip der Notenschrift für die Veeh-Harfe im Grunde sofort. „Meine“ Instrumente, die ich früher einmal gespielt hatte, waren jedoch reine Melodieinstrumente, und ich war überhaupt nicht geübt darin, zwei Töne gleichzeitig optisch zu erfassen und auf einem Instrument zu produzieren. Uiuiuiui! Da kam ich ganz schön ins Schwitzen!

Es bedarf anfangs schon einiger Übung, bis man ein einfacheres, zweistimmiges Stück sauber zupfen kann. Die Finger wollen nämlich sorgfältig an der Saite angesetzt sein, damit man nicht an den danebenliegenden Saiten entlangschrappt, rechter und linker Zeigefinger wollen koordiniert Melodie- und Begleittöne zupfen, und eine gewisse Geläufigkeit stellt sich auch nur dann ein, wenn man wie bei jedem anderen Instrument regelmäßig übt.

Jetzt, ein paar Monate später, geht es schon recht gut, und ich spiele auch schon anspruchsvollere Stücke. Es gibt aber noch viel zu lernen!

Die Noten sind übrigens wunderschön gestaltet, und bei den Volks- und Kirchenliedermappen steht auch jeweils der Text zum Mitsingen neben den Noten. "Frau Schletterer singt" kann man beim Veeh-Harfen-Spiel aber glatt vergessen, denn ich klemme vor lauter Konzentration beim Spielen die Zunge zwischen die Lippen und bin auch nicht in der Lage, nebenher noch den Text zu lesen. Außerdem bin ich ohnehin der Meinung, dass der schöne Veeh-Harfenklang nicht durch Gesang gestört werden sollte.

Wer näheres erfahren und vielleicht auch mal Bilder von der Veeh-Harfe sehen möchte – hier die Homepage der Fa. Veeh:

www.veeh-harfe.de

 

 

25. Juli 2012

 

Zufälle gibt’s…

  

In meinem Beitrag „Der richtige Standpunkt“ vom 19. Juni 2012 erzählte ich ja von meinen Erfahrungen, die ich während des Verdi Requiems mit dem „Lärmpegel“ in der ersten Chorreihe gemacht habe. Ich hatte da ja etliche Instrumente aufgezählt, die sich bei diesem Werk ganz hinten im Orchester tummeln und ein „Überleben“ der Sänger ganz vorn im Chor schwer machen. Bevor ich all diese Instrumente aufgezählt habe, habe ich seinerzeit natürlich flugs nachgelesen, welche Blasinstrumente bei Verdi da überhaupt zum Einsatz kommen, damit ich mich mit meiner vielleicht ja überbordenden Erinnerung nicht blamiere und z. B. behaupte, ein Saxophon sei auch dabei gewesen.

Bei diesen Recherchen bin ich darüber gestolpert, dass Verdi tatsächlich einen Part für eine Ophikleide in seiner Komposition vorgesehen hatte. Als ich das las, stutzte ich, denn von Ophikleiden hatte ich noch nie gehört, und ich konnte mich auch nicht daran erinnern, damals im Orchester ein mir unbekanntes Instrument gesehen zu haben. Um ehrlich zu sein, „Ophikleiden“ klang für mich eher wie eine dieser lästigen Infektionen, die man sich auf öffentlichen Toiletten holt („Frau Schletterer, es tut mir leid, aber Sie haben Ophikleiden. Da helfen nur diese bratzbraunen, handtellergroßen Antibiotika-Pillen, die Sie bitte die nächsten 3 Wochen 3 mal täglich unzerkaut einnehmen!“) und nie wieder richtig los wird. Ich las aber auch, um nun zum Instrument zurückzukommen, dass dieser Part in der Praxis meist von einer Basstuba übernommen wird, da die Ophikleide ein nur sehr selten vorkommendes Instrument ist, das nur noch wenige zu spielen wissen.

Wie groß war da meine Überraschung und Freude, als ich in diesem Urlaub in „Snowshill Manor“ in Snowshill (Gloucestershire), einem Anwesen, das der „National Trust“ verwaltet und pflegt, im Musikzimmer im obersten Stock unter zahlreichen anderen exotischen Instrumenten (wie indische Saiteninstrumente, Drehleiern und einem verdallerten Kontrabass, dessen tiefste Saite man kurzerhand durch ein Stück Paketschnur ersetzt hatte) gleich zwei Ophikleiden entdeckte. Meine Freundin verstand meine Euphorie im ersten Moment nicht so richtig. Die Dinger sehen im Grunde völlig unspektakulär so aus wie eine einfache Mischung aus Saxophon und Fagott – vielleicht sind sie das ja sogar, ich weiß es nicht. Aber als ich ihr erzählte, warum ich so aus dem Häuschen war, freute sie sich mit mir. Sie war sogar ein wenig beeindruckt, dass ich den Namen dieses Instruments kannte, was sie in einem schlichten „Aha…“ zum Ausdruck brachte.

 

 

 

23. Juli 2012

 

Die Queen verpasst!

 

Jetzt war ich also 3 Wochen im sangesfreudigen England in Urlaub, und was muss ich berichten? Nicht einen einzigen Chor habe ich gehört!

In Hereford, wo wir die Queen knapp um zwei Tage verpassten (sie hatte die Stadt anlässlich ihres 60jährigen Thronjubiläums besucht, und wir waren nicht unter den fähnchenschwingenden Fans am Straßenrand!), fand zwar ein "3 Choires Festival" statt, das begann aber leider erst einen Tag nach unserem Besuch! Einzig den Aufbauarbeiten in der Kathedrale konnten wir beiwohnen, die allerdings nicht wirklich Eventcharakter hatten, sondern uns eher ein wenig behinderten - konnten wir uns deswegen doch nicht völlig frei in der Kathedrale bewegen, sondern mussten uns darauf beschränken, uns im vorderen Teil der Kirche aufzuhalten und von dort unsere Fotos zu machen und die Arbeiten zu überwachen.

Hier habe ich mal ein Bild eingefügt, auf dem man die Großartigkeit dieser Kirche erahnen und einen Teil der Aufbauarbeiten erkennen kann. Sicher war das Festival dort ein beeindruckendes Erlebnis!

 

    

  

 

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