Frau Schletterer singt nicht mehr

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Das Tagebuch - Chancen und Risiken
29.12.2016 02:26

Über meinen Eintrag von gestern habe ich anschließend noch eine Weile nachgedacht.
Um irgendwann wirklich Memoiren schreiben zu können, müßte man dafür sorgen, daß relevante Erinnerungen wachgehalten werden. Und wenn schon nicht wachgehalten, so doch irgendwie festgehalten – z. B. in Form eines Tagebuches. Das dann aber natürlich möglichst lückenlos und aussagekräftig ausfallen müßte.

Es würde dabei nicht genügen, daß für Mittwoch, den 28.12.2016, da steht:
„Habe morgens um 07:11 Uhr die Stechuhr betätigt und bin bis 16:30 Uhr meiner Arbeit nachgegangen.
Bin anschließend nach Hause gefahren, habe noch einen Geburtstagsbesuch vom Verein erledigt und ein paar Einladungsschreiben an Mitglieder ausgetragen, wobei ich das eine Kuvert in den falschen Briefkasten geworfen habe, weil ich mich in der Straße vertan hatte. (Es genügt eben nicht, wenn die Hausnummer stimmt, auf den Straßennamen sollte man beim Austragen von Post ebenfalls achten…!)“

Aus solchen Aufzeichnungen könnte man Memoiren verfassen, die den Spannungsbogen eines Kleinstadttelefonbuchs haben. Für wirklich interessante Lektüre müßte ein bißchen mehr „Sex and Crime“ hinein. Will sagen: mehr Gefühl, Emotionen! Was hat mich bewegt, was umgetrieben? Brach der Weltschmerz über mir zusammen wegen meines Fehlers, der mir beim Austragen der Vereinspost unterlaufen war? Löste der besonders eindrucksvolle Sonnenuntergang des gestrigen Tages etwas in mir aus, was den weiteren Verlauf meines Schicksals irgendwie beeinflussen könnte? Begegnete ich vielleicht DEM Menschen schlechthin, der sich als wichtig erweisen wird?

Doch sind wir mal ehrlich: die meisten Tage dümpeln doch genau so unspektakulär, wie ich es gerade beschrieben habe, vor sich hin. Hierüber ein Tagebuch zu führen, das würde einen selber ja dermaßen langweilen, daß man über den Seiten in den Schlaf sinken würde.
Ich fürchte, mit so einem Tagebuch liefe man ruckzuck Gefahr, daß das eigene Leben einem auf einen Schlag sinnentleert und bedeutungslos erschiene. Wo man doch die ganze Zeit vorher völlig zufrieden war mit der friedlichen Routine, die einem Geborgenheit gab, festen Halt und Sicherheit.

Neinnein, da bleib ich lieber dabei, nicht den Ehrgeiz zu entwickeln, mich und die Welt mit meinen Erinnerungen beeindrucken zu wollen.

 

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