Frau Schletterer singt nicht mehr

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Die protestantische Predigt
27.12.2016 02:52

Der erste Weihnachtstag fiel in diesem Jahr auf einen Sonntag. Und wie ich das sonntags immer mache, schaltete ich, als ich morgens ins Bad ging, das Radio ein. Normalerweise läuft um diese Zeit immer ein Programm mit klassischer Musik. Da es aber ein Feiertag war, übertrug man gerade live einen Gottesdienst. Das war mir genau so recht, also ließ ich das Radio an.

Auch wenn es nicht zufällig eine Frau gewesen wäre, die da gerade ihre Predigt begann, hätte ich sofort bemerkt, daß es sich um einen evangelischen Gottesdienst handelte.

Protestantische Pfarrer klingen beim Predigen alle gleich!

Ich stelle mir immer wieder gern vor, wie all diese evangelischen Theologiestudenten in der Uni im Sprachlabor sitzen und die alten Audio-Cassetten aus den Siebzigern einschieben, auf denen die seit Jahrzehnten immer gleiche Sprechweise des protestantischen Standardpredigers zu hören ist. Da sitzen dann die Studenten und plappern die Übungen nach und kriegen erst dann ihren Seminarschein, wenn sie die Sprachmelodie haargenau so nachmachen, wie der Sprecher auf der alten Cassette es vorgemacht hat. Und abends arbeiten sie noch das „Begleitheft zu Bildung und Training des ‚protestantischen Tonfalls‘ – Ausgabe 08/1976“ durch. So stell‘ ich mir das alles vor.

Der evangelische Pfarrer in unserem Dorf spricht selbstverständlich ebenfalls so. Allerdings kann ich ihm das insofern ein Stück weit verzeihen, als in seinen Predigten ein echter Inhalt transportiert wird. In diesem Jahr zum Beispiel war es offensichtlich, daß er sich angesichts der schrecklichen Ereignisse der letzten Monate mit der Verkündigung der Frohbotschaft ein wenig schwer tat. Das beruhigte mich, und es nahm für ihn ein, daß er auf flache Allgemeinplätze verzichtete und seiner Hilflosigkeit Ausdruck verlieh.

Die Pastorin im Radio allerdings war eine Zumutung. Wenn ich nicht gerade unter Dusche meine Haare einshampooniert hätte, hätte ich umgehend abgeschaltet.
„Wenn Sie… nach den Feiiiiertagen… wieder in… Ihren Alllltag zurück-kehren… dann wird die Welt… sich nicht wirklich… verändert haben…. Aber vielleicht nehmen Siiiiie… ein weeeenig von dem mit… ein weeenig von der Liiiiebe… die dieses Kinnnd… dieses Kinnnd in der Krippppe in die Welt gebracht hattt… lassssen es naaachwirken… und so…“ usw. usf.

Sie verstehen, wovon ich rede?

Ein katholischer Pfarrer würde so niemals sprechen! Nicht, daß da inhaltlich mehr dran wäre, nein nein! Es ist nur der Tonfall, der einen protestantischen Geistlichen als solchen eindeutig von einem katholischen unterscheidet.

Es würde mich interessieren, ob ich recht habe, ob also das Predigen im Studium der evangelischen Theologie explizit gelehrt wird. Nur fragen werde ich da keinen können, denn obwohl ich den ev. Pfarrer unseres Ortes persönlich kenne, kann ich ihn ja schlecht auf seinen Protestantentonfall ansprechen.

 

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