Frau Schletterer singt nicht mehr

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Ap
Ein Wiedersehen - Teil II
10.04.2017 08:26

So, nun haben wir uns also getroffen. Unsere ehemalige Lehrerin, meine längstjährige Freundin und ich.
Frau G., die Lehrerin, hat uns doch auf Anhieb wiedererkannt, wobei wir es ihr aber auch leicht gemacht und sie sofort angesprochen haben, als sie zum Hof hereinkam.
15 Jahre Altersunterschied schrumpfen mit steigendem Alter auf ein Minimum zusammen, das ist die Erkenntnis, die ich aus diesem gemeinsamen Abend mitgenommen habe. Da war nicht mehr viel zu spüren von der alten Rollenverteilung. Wir waren vielmehr einfach nur drei Frauen, die sich zumindest zum Teil sehr lange nicht gesehen hatten, aber gemeinsame Erinnerungen teilten. Und die nahmen natürlich in unserer Unterhaltung einen breiten Raum ein.
Es war interessant wahrzunehmen, daß das Bild, das Schüler von ihren Lehrern haben, sich erstaunlich decken kann mit dem, was Lehrer über ihre Kollegen denken bzw. dachten. Einige kritische Töne, die A. und ich über diesen oder jenen Lehrer äußerten, hörte ich auch aus dem heraus, was Frau G. über ihre ehemaligen Kollegen sagte. Sie formulierte dabei natürlich sehr viel zurückhaltender als wir „Schülerinnen“, aber man mußte teilweise nicht sehr tief zwischen die Zeilen blicken, um zu wissen, was sie tatsächlich dachte. Am deutlichsten wurde sie, als die Rede auf einen Kollegen kam, an den ich mich ü-ber-haupt nicht erinnern konnte, den ich aber einige Zeit als Französischlehrer hatte. Frau G.s vorsichtige, aber dennoch sehr deutlichen Worte über ihn weckten meine Erinnerung nach und nach wieder auf, und jetzt habe ich diesen Herrn so klar wieder vor Augen, daß ich mich frage, wie ich ihn je hatte vergessen können. Fast könnte ich ein Phantombild von ihm zeichnen.
Es war ein netter Abend, das Wiedersehen war locker und überhaupt nicht verkrampft, denn wir hatten uns durchaus einiges zu erzählen. Das hätte auch anders verlaufen können, daß wir nämlich bedröppelt beieinander sitzen und nicht wissen, was wir sagen sollen – weil die Lehrerin sich vielleicht doch gar nicht an uns erinnert, und weil wir sie vielleicht als sehr verändert erleben.
Aber: so war es gottlob nicht! Sie erinnerte sich sehr wohl an uns, wobei sie betonte, daß sie das nur deswegen könne, weil wir „schon sehr spezielle Schülerinnen“ gewesen seien…
Ich denke immer noch darüber nach, ob wir das wirklich als Kompliment nehmen dürfen…

 

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