Frau Schletterer singt nicht mehr

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Ja
Hauptsache befreundet
27.01.2017 09:31

Gestern fand in unserem Eßzimmer eine Zusammenkunft von Vertretern örtlicher Vereine und der Lokalpolitik statt, um über ein Konzept zu sprechen, das unsere Region touristisch etwas besser vermarkten soll.
Anwesend war neben dem von der Politik beauftragten Fachmann auch die „Schirmherrin“ des Ganzen, die Bürgermeisterin unserer Verbandsgemeinde. Sie kommt aus dem Nachbarort, und ihr liegt am Ansehen unserer Region daher schon aus „patriotischen“ Gründen sehr viel.
So war das Gespräch eine lose, wenngleich fruchtbare Plauderei von Einheimischen, die sich auskennen und einzuschätzen wissen, was geht und was nicht.
Besprochen wurden Streckenführungen für neu einzurichtende Premium-Wanderwege, die Möglichkeiten, die örtliche Gastronomie optimal einzubinden, das Vermarktungs- und – nicht zu vergessen – das Beschilderungskonzept für eben jene neuen Wege.

Meine Freundin regte am Ende an, die Bürgermeisterin könne doch all die tollen Fotos, die sie bei ihren privaten Wanderungen immer macht und bei Facebook veröffentlicht, für die Broschüren zur Verfügung stellen, die später dann für interessierte Gäste der Region bereitgestellt werden sollen.
Da lachte die Gute und meinte, ja, sie mache immer viele Bilder bei ihren Touren und stelle sie deswegen bei Facebook ein, weil (und dabei fuchtelte sie mit den Armen) „es da ja etwa 1.200 Leute gibt, die angeblich meine Freunde sind. Die sollen ruhig sehen, wie schön es bei uns ist, und mal vorbeikommen.“ Sie schüttelte bei dem Gedanken, wer sich da alles mit ihr verknüpft hat, ungläubig den Kopf, denn offenbar kennt sie von den so vielen Leuten nur die wenigsten wirklich persönlich.

Und da dachte ich mir, ich scheine doch eine Ausnahme zu sein, wenn ich alle Freundschaftsanfragen von Leuten, die ich gar nicht kenne, einfach mal ablehne. Gut, ich bin nicht in der Politik, und manchmal mag es dort schon hilfreich sein, auch bei Facebook von vielen wahrgenommen zu werden. Wenn eine Verbandsbürgermeisterin solche Freundschaftsanfragen annimmt, steckt da also sicher auch kluges Kalkül dahinter – wie sie es ja auch gesagt hat. Aber ich frage mich, wieso sie von so vielen überhaupt angefragt wird, wenn die sie doch gar nicht kennen. Wieso interessieren sich diese Leute so sehr für das, was Frau X privat unternimmt? Ich verstehe es nicht.

 

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