Frau Schletterer singt nicht mehr

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Herr Pawlow läßt grüßen
24.02.2017 16:19

Es wird Frühling, ich spür‘ es genau!
Wenn der Fühling kurz bevor steht, ist auf einmal alles anders. Die Geräusche, die von der Straße durchs Fenster hereinkommen, sind freundlicher als die Laute des Winters. Nicht so dumpf und auch weniger hektisch. Die Menschen gehen gelassener durch die Stadt, bleiben auch mal vor einem Schaufenster stehen und schauen hinein. Die Vögel singen anders. Die Natur hält zwischendurch inne und gähnt kräftig durch. Dann geht es weiter mit dem Auftauen, dem Wärmetanken.
Das deutlichste Zeichen, daß es auf Frühling zugeht, ist für mich schon immer, wenn die Sportflugzeuge wieder am Himmel ihre Kreise ziehen. Das Geräusch eines Sportflugzeugmotors ist für mich der unfehlbare Auslöser von Frühlingsgefühlen. Höre ich einen Motorflieger über mir, sitze ich in meiner Fantasie sofort wieder im Schloßpark meiner Heimatstadt und schaue meinen Klassenkameraden beim Bolzen zu. Oder ich bin allein und rupfe gedankenverloren Grashalme aus dem Boden, bis meine Finger ganz grün sind. Es ist wie ein Knopf, den jemand drückt, ein Schalter, der immer funktioniert.
Motorflugzeuggeräusche wirken da ebenso fehlerlos wie der Duft von Flieder, der mich immer, wirklich immer an die Geburtstage meiner Kindheit denken läßt. (Den Flieder bekam ich nämlich jedes Jahr von meinem Onkel, der ihn als Geburtstagsgeschenk aus seinem Garten mitbrachte.) Ich sehe dann den Geburtstagskuchen in Herzform vor mir, den meine Mutter für mich gebacken und mit einer selbstmodellierten, mit Spannung erwarteten Marzipanfigur verziert hat. Ich schmecke die Limo, die es bei uns nur an Geburtstagen gab, und ich denke an die Nachmittage, wenn „Kindergeburtstag“ war und wir das Haus voll hatten mit meinen Spielkameraden.
Es gibt für mich so viele Erlebnisse in meiner Kindheit und Jugend, die durch ganz bestimmte, immer gleiche Auslöser wieder in meiner Erinnerung hochkommen und genau dasselbe Gefühl in mir auslösen, das ich damals hatte, als z. B. das Konzert oder das Chorwochenende stattfand, an das ich gerade denke.
Leider funktioniert das alles aber auch mit den negativen Dingen, die ich schon erlebt habe. So gibt das Zeiterfassungsterminal in der Firma, in der ich arbeite, bei Fehlbedienung eine Tonwiederholung von sich, die genau so klingt wie das Bimmeln des Krankenhausaufzugs, das ich vor etlichen Jahren drei Wochen lang tagein, tagaus hörte, immer wenn sich die Fahrstuhltüren öffneten. Ich lag nämlich im allerersten Zimmer der Station, gleich hinter der Stationstür, die in jenem Sommer immer offenstand. Und wenn sich an unserem Zeitterminal einer vertippt, liege ich jedes Mal wieder da in diesem Bett und betrachte die Schläuche, die aus meinem Bauch ragen.

 

Deppen Leerzeichen und...

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