Frau Schletterer singt nicht mehr

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Im stillen Kämmerlein
01.12.2016 06:34

Ich habe vor einiger Zeit ja beschlossen, mit dem Chorsingen aufzuhören, weil ich mit beständigen Stimmproblemen zu kämpfen habe.

Als musikalische Alternative und als Trost hatte ich dabei natürlich meine Veeh-Harfe im Hinterkopf, auf der ich mit großem Vergnügen allein und im Ensemble spiele.

Vor ein paar Wochen allerdings kam ich nach mehrwöchiger Pause abends in die Ensemble-Probe und staunte nicht schlecht, weil alle schon fix-fertig und spielbereit auf ihren Stühlen saßen und mich erstaunt ansahen, als ich zur Tür hereinkam. Es stellte sich dann heraus, daß man sich ausnahmsweise eine Stunde früher getroffen hatte. Erst dachte ich mir nichts dabei, denn schließlich stand ein Auftritt kurz bevor, und eine etwas längere Probe schien mir da sinnvoll. Tatsächlich dauerte die Probe aber gar nicht eine Stunde länger als gewöhnlich, sondern war wirklich nur nach vorn verschoben worden, so daß ich mich wegen einer lumpigen halben Stunde Restprobenzeit so abgehetzt, mein Essen hinuntergeschlungen, hastig mein Zeug zusammengerafft und mich ins Auto geworfen hatte. Zudem hatte ich ausgerechnet wegen dieser Probe einen anderen Termin abgelehnt, der mir eigentlich sehr wichtig gewesen wäre. Es hat mich an dem Abend maßlos verärgert, daß mir einerseits immer wieder gesagt wird, wie schön es sei, wenn ich im Ensemble mitspiele, daß ich andererseits aber, wenn ich dann mal ein paar Wochen nicht da war, sofort vergessen werde, wenn es darum ginge, alle über veränderte Probenzeiten zu informieren. Ich war sogar so sauer, daß mir die Lust auf Ensemble-Proben bis zum Jahresende vergangen ist.

Und so durchlebe ich gerade eine ganz ungewohnte Zeit: kein Musikmachen zusammen mit anderen Leuten. Und es fühlt sich gar nicht so schlecht an.

Ich hatte damit gerechnet, im gerade vor kurzem veranstalteten Konzert meines Chores, das ich ja schon nicht mehr mitgesungen habe, eine große Traurigkeit und Wehmut zu verspüren, und hatte sogar darüber nachgedacht, gar nicht hinzugehen. Aber als ich dann im Publikum saß und zuhörte, machte mir das Freude, und es rührte mich erstaunlich wenig, daß ich nicht vorn bei den anderen stand und mitsang.

Ich kenne mich gut genug, um zu wissen, daß das nicht lange anhalten wird und ich recht bald den Chor schmerzlich vermissen werde. Und auch die Lust aufs Ensemble-Zupfen wird bald wieder da sein. Momentan aber genügt es mir, allein in meinem Stübchen auf der Harfe zu spielen und dem schönen Klang zu lauschen.

Und da frage ich mich, ob nicht immer mehr als die offensichtlichen Gründe hinter solch einem Pausieren stecken. Welche mögen das sein?

 

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