Frau Schletterer singt nicht mehr

30
Ju
Juni 2012
30.06.2012 14:53

29. Juni 2012

 

Urlaub

 

So, jetzt werde ich erst mal in Urlaub fahren. Wieder nach England, wo hoffentlich die Sonne scheinen, die Blumen blühen und die Leute wieder sehr freundlich sein werden!

Bestimmt werden wir auch wieder die eine oder andere Kirche sehen, und wenn wir Glück haben, dann profitieren wir wieder von der recht ausgeprägten Chorkultur und

–landschaft, wie wir sie schon beim letzten Mal erleben durften.

In fast jeder Kirche, Kathedrale oder Dorfkapelle war genau zu der Zeit, als wir sie besichtigten, ein Chor bei der Probe, ganz offensichtlich in direkter Vorbereitung auf ein Konzert. Schul- und Collegechöre, Kirchenchöre, Oratorien- und Madrigalchöre, all dies durften wir erleben, mitten im Sommer, wenn es bei uns in Deutschland wegen der anstehenden Ferien nur ganz wenige Konzerte gibt. In England aber singt immer irgendwo jemand! Nachwuchssorgen scheint es dort für Chöre, auch und besonders für klassische, nicht zu geben. Besonders auffallend fand ich die stets zahlreich besetzten Männerstimmen (in Deutschland habe ich noch in keinem reinen Laienchor gesungen, der nicht unter Mangel an Tenören zu leiden gehabt hat).

An einem Tag im vorletzten Sommer nahmen wir am Choral Evensong in der Kathedrale in Canterbury teil; das ist ein kurzer Abendgottesdienst, der Elemente der Vesper und der Komplet beinhaltet. Dabei sang der Chor der Kathedrale, und wir lauschten gebannt und versuchten, so gut, wie dies bei unbekannten Gebeten und Texten möglich ist, aktiv teilzunehmen. Das war ein ergreifendes Erlebnis, ganz nah dabei im Chorraum der Kathedrale, direkt neben den Knaben und Männern, die betörend schön sangen.

Ich bin gespannt, was uns in diesem Urlaub erwartet, und freue mich sehr darauf.

Ich verabschiede mich also für die nächsten 3 Wochen und werde danach aber sicher wieder was zu erzählen haben. Machen Sie es gut bis dahin und bleiben Sie mir gewogen! 

 

 

27. Juni 2012

 

Bä…

 

Es gibt Proben, die laufen einfach nicht rund. Diese Woche war wieder so eine.

Wir probten den Schlusschor aus dem „Elias“, der mit einer Fuge endet. Der Alt singt vorneweg, die anderen Stimmen fallen nach und nach ein – wie das halt so ist bei einer Fuge.

Wir, der Alt, setzten also ein und sangen frisch von der Leber weg so gut, wie wir es eben bei einem ersten Durchsingen hinbekamen. Aber ach! Die Intonation war unsauber, und auch die Artikulation des Textes gefiel Herrn Hölzel nicht. Also ließ er uns die ersten Takte wiederholen. Danach erklärte er uns, was genau ihm an unserer Artikulation nicht gefiel. Wir sangen die Takte also noch einmal. Hiernach erklärte er uns, was ihm an unserer Intonation nicht behagte. Wir sangen die Takte also ein viertes Mal, und da mochte er wieder weder die Artikulation noch die Intonation. Ich wurde unsicher und sang bei der fünften Wiederholung vorsichtshalber mal nur mit halber Kraft. Vielleicht war ich ja eine von denen, die das nicht so hinkriegten, wie Herr Hölzel es sich wünschte. Bei der sechsten Wiederholung sangen alle nur noch mit halber, wenn nicht sogar nur mit viertel Stimme, denn nun wollte keine mehr das Risiko eingehen, diejenige zu sein, die irgendetwas falsch machte. Das Ergebnis war, dass wir klangen wie ein Mäusechor, der die Noten verkehrt herum hält.

Herr Hölzel hatte irgendwann Erbarmen mit dem Alt und ließ Tenor und Bass ihre Passagen singen. Es tröstete mich, dass auch diese beiden Stimmgruppen ihre liebe Not hatten, die Phrasierung und die Intonation in den Griff zu bekommen.

Eine kollektive Verunsicherung hatte sich breit gemacht, und einzig der Sopran behielt bis zum Ende genug Selbstvertrauen, um die Fuge kraftvoll durchzusingen.

Ich war ziemlich bald heiser gepiepst, warf nach gut der Hälfte der Probe das Handtuch und enteilte nach Hause. An diesem Abend hätte ich gar nichts mehr auf die Reihe gebracht, so frustriert, wie ich war. Bä.
Ich versuche nun, den Text, den wir gesungen haben, trotz gegenteiliger Anzeichen als Prophezeiung zu verstehen und optimistisch die nächsten Proben zu erwarten: „Alsdann wird Euer Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und Eure Besserung wird schnell wachsen.“

 

 

26. Juni 2012

 

Gut gewässert

 

Aus der Tatsache, dass Gesangvereine vor allem in früheren Zeiten gern in Gaststätten probten und dabei ein paar Bierchen kippten, können wir folgern, dass Singen durstig macht. Diese schöne Kombination aus Arbeit und Geselligkeit kommt jedoch stetig aus der Mode, und die Singstunde als reine ‚Arbeitszeit‘ setzt sich immer mehr durch. Der Durst aber bleibt!

Daher sieht man, wenn einem während der Probe mal der Bleistift herunterfällt und man sich bückt, um ihn wieder aufzuheben, heutzutage unter fast jedem Stuhl eine Wasserflasche stehen.

In einer normalen Probe finde ich es völlig unproblematisch, wenn jemand in einer Sangespause seine Flasche nimmt und kurz daran nippt. Selbst wenn die Flasche Plopp-Geräusche dabei macht, weil allzu gierig daran gezogen wurde und sie sich deswegen ein- und anschließend wieder ausstülpt, stört das wohl niemanden.

„Interessant“ wird es, wenn der Sänger oder die Sängerin derart an der Flasche hängt, dass er oder sie sie sogar bei der Generalprobe immer bei sich hat.

Auf einem Chorpodest geht es per se immer sehr eng zu. Da kann man froh sein, wenn man genügend Platz zum Atmen und Notenhalten hat (s. hierzu auch meinen Beitrag „Der richtige Standpunkt“). Wenn jetzt zwischen all den dicht gedrängten Füßen auch noch Flaschen stehen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Sänger und/oder Flaschen durcheinanderpurzeln.

Böse Zungen mögen jetzt behaupten, zwischen Chorsängern stünden immerirgendwie auch Flaschen…; denen sei aber entgegengehalten, dass hier 1) von Getränkeflaschen die Rede ist, und dass 2) eine Generalprobe den Ablauf eines Konzerts und nicht die Leergutannahmestelle des örtlichen Getränkemarkts simulieren sollte.

Findige Choristinnen verstecken ihre Flaschen gern in überdimensionierten Handtaschen, aus denen sie sie dann bei Bedarf hervorzaubern, wenn z. B. das Orchester grade das Vorspiel zur Sopranarie Nr. 24 nochmal repetiert oder die Bratschen rasch nachstimmen. Das ändert an der Lästigkeit allerdings nichts; im Gegenteil: auch Handtaschen, und besondersHandtaschen, haben auf dem Chorpodest nichts zu suchen. Es wird während der Probe ja wohl niemand auf die Idee kommen wollen, das Lippenrot nachzuziehen.

In unserem Chor haben nur wenige in den Generalproben Durst, meist tritt „nur“ die Handtaschenproblematik auf. Aber auch die wird eines Tages zu gebrochenen Beinen und Hälsen führen, da bin ich mir sicher. Wenigstens ist dann aber die Versichertenkarte gleich bei der Hand, wenn der Krankenwagen kommt…

 

 

24. Juni 2012

 

Ahahahahahahamen

 

Vor etlichen Jahren, ich nahm damals noch Gesangsunterricht, vermittelte mir meine Lehrerin ein Engagement, das Alt-Solo in der „Schöpfung“ von Haydn zu singen. Das klingt jetzt ganz großartig; der Part der Solo-Altistin beschränkt sich jedoch auf wenige Takte „Amen“-Einwürfe im Schlusschor, und die singt sie auch noch im Quartett. Das ist so wenig, dass man sich fragt, welche bösartige kleine Stimme sich da in Haydns Kopf geregt hat, dass er auf die paar Takte nicht auch noch verzichtet hat. Eine professionelle Sängerin verpflichtet man für die paar Töne keinesfalls, und im Chor beginnt das neidvolle Bangen, wer denn wohl die Ehre haben wird.

Nun, damals löste der fragliche Chorleiter dieses Dilemma, indem er mir diese Aufgabe übertrug, die ich kein Mitglied seines Chores war.

Natürlich wünschte er sich, dass ich bei der Gelegenheit – wenn ich schon mal da war – außer dem Solo-Part auch noch die Chorpartie mitsang. Die Sache hatte allerdings einen Haken: ich kannte „Die Schöpfung“ damals noch nicht, hatte den Chor-Alt also gar nicht im Repertoire.

So erschien ich tatsächlich nur für die Amen-Rufe, die sich, wenn ich mich recht erinnere, auf insgesamt vier belaufen.

Ich kam mir ja schon reichlich dämlich vor, wie ich da stundenlang in der Generalprobe auf meinem Stühlchen saß und auf meinen Einsatz wartete.

Meine Lehrerin sang den Sopran-Part, und  auch die anderen Solisten waren namhafte Sänger, die ich schon etliche Jahre kannte. Ich wusste also, dass ich diese Gelegenheit, wenigstens ein paar Töne gemeinsam mit jenen zu singen, genießen sollte, denn diese Chance würde es sicherlich nur ein Mal für mich geben.

Irgendwann war dann der große Moment da, der Schlusschor wurde angestimmt. Ich war natürlich aufgeregt bis unter die Ohren und stand zitternd zwischen den anderen Solisten.

Der Chor sang und jubelte, die Stelle, an der ich einsetzen sollte, kam näher und näher, ich holte Luft…. und da war es auch schon vorbei! Ich hatte nach 2 Stunden Warten meinen Einsatz total versemmelt und niemand hatte es gemerkt. Wiederholt wurde die Stelle nicht, und so ging ich andern Tags ins Konzert, ohne vorher auch nur einen einzigen meiner vielleicht 30 Töne geprobt zu haben.

Im Konzert machte ich meine Sache dann aber doch sehr gut, ich sang alle meine Töne im richtigen Moment und konnte am Ende mit mir zufrieden sein. Der Beginn einer großen Karriere wurde es zwar nicht, aber vergessen werde ich dieses Konzert sicherlich nie.

 

 

22. Juni 2012

 

Die Erde erbebete!

 

Ein guter Komponist zeichnet sich dadurch aus, dass er mit seiner Musik gezielt Stimmung erzeugen kann. Traurige, fröhliche, nachdenkliche, tänzerische oder geheimnisvolle Stimmung. Wenn sich die auf Musiker und Zuhörer überträgt, dann ist das Konzert im Grunde schon nach den ersten paar Takten ein Erfolg.

Manchmal aber darf man es erleben, dass auch die äußeren Umstände die „Atmo“ begünstigen.

Gestern in der Singstunde probten wir z. B. die wunderschöne Nr. 34 des „Elias“.

Wir sangen (piano) „Und – ein – star – ker – Wind“ (crescendo) „der – die – Ber – ge zerriß“ (mezzoforte) „und – die – Fel – sen zerbraaaach“ (forteeeee) „ging vor dem Herren her“ und in diesem Moment durchzuckten bestimmt 10 Blitze die Wolken und mit einem lauten KRAWUMM entlud sich der Himmel! Der Wind pfiff durch die Fensterritzen und draußen wurden die Büsche vom Sturm niedergefegt. Wir duckten uns und sangen weiter (diminuendo) „ging vor dem Herren her“ und dann schauten wir uns aber doch etwas bedröppelt an, denn der Himmel hatte sich natürlich auch verfinstert, und man hatte den Eindruck, dass ein geheimer Kulissenschieber eigens für unsere Probe passendes Bühnenbild, Beleuchtung und Geräusche organisiert hatte.

„Aber der Herr war nicht im Sturmwind“ beendeten wir die Phrase, das Gewitter draußen vor den Fenstern aber tobte weiter und untermalte auch die weiteren Textpassagen:

„Der Herr ging vorüber, und die Erde erbebete, und das Meer erbrauste, aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Fooooojer, die Erde erbebete, das Meer erbrauste, aber der Herr war nicht im Feuer.“

Ich ertappte mich dabei, dass ich zu erschnuppern versuchte, ob nicht doch irgendwo der Blitz eingeschlagen und ein Feuer entfacht hatte.
Ob der Herr darin steckte oder nicht, war für mich in dem Moment nebensächlich.

 

 

21. Juni 2012

 

Der (h)eilige Stuhl

 

Kirchenkonzerte haben ihren ganz eigenen Charme. Die Atmosphäre des Raums ist nämlich für die Stimmung im Konzert ein wichtiger Faktor. Es hat so was Würdiges, Ruhiges, Mächtiges, in einer Kirche zu singen. Ich liebe das! Dazu dieser Geruch nach antikem Holz und Sandstein, der so vielen alten Gemäuern anhängt – herrlich!

Das einzige Problem daran ist allerdings die Toilettenfrage. Eine Kirche wird in der Regel nicht betreten, um dort die Toilette aufzusuchen. Wenn man in einer Kirche allerdings eine Weile probt und sich deswegen ein paar Stunden darin aufhält, um anschließend noch das Konzert anzuhängen, beginnt unweigerlich irgendwann die Blase zu drücken. Oder auch mehr.
Wenn man Glück hat, findet die ganze Sache in einer Kirche mitangeschlossenem Gemeindezentrum statt, dessen Toilettentürenaufgeschlossen sind.

Unser Chor allerdings hat dieses Glück nie, denn er singt gern in einer Kirche, neben der sich zwar öffentliche Toiletten befinden, die aber über den solchen Einrichtungen typischerweise anhaftenden „Charme“, offizielle Öffnungszeiten („Gesch… wird von 8 bis 4!“) und gern auch über defekte Beleuchtung verfügen. Verdauungsvorgänge und dementsprechende Toilettengänge sind dort also genauestens auf die Öffnungszeiten hin zu planen, und eine Rolle Klopapier und eine Taschenlampe im Gepäck schaden auch nicht.

Etwas besser sieht es für uns bei den Frühlingskonzerten aus. Die finden nämlich in aller Regel in einer ganz besonderen Kirche statt. Zum einen steht in unmittelbarer Nachbarschaft ein Hotel, das uns zu diesen Anlässen immer Zutritt zu seinen sanitären Anlagen gewährt. Zum anderen findet man in dieser Kirche eine wirkliche Besonderheit vor: sobald man nämlich durch die Pforte den Kirchenraum erreicht hat, gehen nach links und rechts die Stufen zur Empore hinauf. Und unter der rechten Treppe hat man tatsächlich ein ‚Kunden-WC‘ eingebaut. Man erreicht es direkt vom Kirchenschiff aus. Öffnet man die Tür und der Ventilator drinnen läuft noch vom vorhergehenden Besucher, bekommt die ganze Gemeinde (oder wer sonst sich gerade in der Kirche aufhält) mit, dass da jemand den ‚ganz besonderen Sitz‘ aufsucht. Das mag peinlich klingen; wenn es aber schnell gehen muss und der Weg zum Hotel zu weit wäre, ist so ein ‚(h)eiliger Stuhl‘ für ebenjenen schon eine feine Einrichtung!

 

 

19. Juni 2012

 

Der richtige Standpunkt

 

Wenn man Mitglied in einem Chor ist, ist es sicherlich hilfreich, wenn man singen kann. Nicht ganz unwichtig ist allerdings auch der richtige Dreh bei der Eroberung des optimalen Stehplatzes beim Konzert. Der kann durchaus erlernt werden; ich z. B. habe ihn mir in jahrzehntelanger Erfahrung soweit erarbeitet, dass es mir, da behaupte ich sicher nicht zu viel, recht unauffällig gelingt, meine Wünsche durchzusetzen. Wobei ich natürlich eingestehen muss, dass meine Ansichten über den optimalen Platz sich nicht zwangsläufig mit denen anderer Sänger decken. Was die Sache insofern erleichtert, als sich nicht alle auf die selbe Stelle stürzen und damit ein Hauen und Stechen vermieden werden kann.

Ich habe alles ausprobiert und für mich herausgefunden, dass ich am liebsten mittendrin stehe.

Meine Ansätze waren: a) ich brauche Platz zum Atmen und zum Notenhalten, b) ich muss den Dirigenten gut sehen und c) optimal rundumhören können. Alle diese Wünsche können natürlich nur dann erfüllt werden, wenn man allein auf der Bühne steht; inmitten eines Chores muss man demzufolge Prioritäten setzen.

Die Ansätze a) und b) führten mich eines Tages in die erste Reihe. Hier, so dachte ich, kann ich gut durchatmen und die Noten so komfortabel halten wie sonst nirgends. Auch im Hinblick auf eine gute Sicht zum Dirigenten machte ich mir große Hoffnungen, weil in der ersten Reihe ja nicht die Gefahr besteht, dass eine groß gewachsene Dame mir den Blick versperrt. Allerdings machte ich diesen Versuch bei einer Aufführung des Requiems von Verdi. Dieses Stück zeichnet sich durch einen umfangreichen Blech- und sonstigen Bläserkörper aus. Gefühlte 30 Fagotte, Tuben, Posaunen, Trompeten, Klarinetten und Fasnachtströten bevölkern die hinterste Orchesterreihe. Jeweils 30! Daneben zaubert der Paukist auf drei Kesseln.

Hinter der hintersten Orchesterreihe steht, wie kann es anders sein, natürlich die erste Chorreihe. Es braucht sicher nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass Ansatz c) mit einem Platz in dieser vordersten Reihe zunichte gemacht ist. Von gutem Rundumhören kann hier nicht die Rede sein. Man hört, wenn man ehrlich ist, nicht einmal sich selbst und erwägt ungelogen, seine Sachen zu packen und nach Hause zu gehen, weil man ein Gegen-eine-Trompete-ansingen nur verlieren kann.

Da der Ansatz a) auch von anderen Choristen gern verfolgt wird, die erste Reihe aber nur eine begrenzte Anzahl an Plätzen bietet, breiten die meisten ihre Noten dann eben in den Reihen dahinter so weit wie nur irgend möglich aus. So wurde schon so manches Notenbuch tief in der Frisur der Dame in der Reihe davor versenkt und so die Arbeit von mehr als einer halben Stunde vor dem Spiegel zerstört. Auch ich machte bereits diese Erfahrung. Das führte mich eines Tages in die hinterste Reihe. Doch ach! Ansätze b) und c) kann man, wenn man so kurz geraten ist wie ich, da hinten glatt vergessen! Ausrufezeichen!

So landete ich eben irgendwann wie von Zauberhand in der Mitte, wo ich es erstaunlicherweise meistens recht erfolgreich schaffe, eine gute Sicht auf den Dirigenten zu finden, gut rundum zu hören und auch meine Noten komfortabel zu halten.

Natürlich gibt es, wie ich ja bereits erwähnte, auch Chorsänger, die sehr gern in der ersten oder in der letzten Reihe stehen und ihre ganz eigenen Gründe haben, warum sie diese Plätze bevorzugen. Ich bin froh, dass das so ist und wir uns da so gut ergänzen.

 

 

17. Juni 2012

 

„Gut  eingesungen“ ist „schon halb geprobt“ 

 

Das Einsingen ist obligatorischer erster Tagesordnungspunkt einer jeden Chorprobe! In jedem Chor! Indes, er läuft in den diversen Chören höchst unterschiedlich ab.

Mit dem "Mi-mi-mi" der Witzeseiten in deutschen Illustrierten haben die Stimmübungen, die üblicherweise praktiziert werden, zunächst mal herzlich wenig zu tun. Allerdings sind dem Erfindungsreichtum der Chorleiter auch wenig Grenzen gesetzt. Was der Chef sagt, wird gemacht. Manch einer fühlt sich offenbar zum Physiotherapeuten berufen, lockert zuerst die Lendenwirbelsäule durch schwungvolles Vornüberkippen, dann Schultern und oberen Rücken, lässt die Sängerschar mit den Armen rudern und mit den Beinen wedeln und sich wie die Gorillas auf die Brust trommeln, während sie infernalische Geräusche aus selbiger dringen lässt. Außer dass ich mir dabei reichlich albern vorkomme und das deswegen wahrscheinlich auch nicht richtig mache, kann ich persönlich dem wenig abgewinnen. Am schlimmsten sind jedoch die „Übungen“, bei denen sich die Chorsänger z. B. gegenseitig die Schultern massieren. Liebe Chorleiter dieser Welt, merket wohl: ein Chor ist nicht zwangsläufig eine Zusammenrottung von Leuten, die sich alle ganz schrecklich lieb haben und sich liebend gern gegenseitig eine Wellnessbehandlung zukommen lassen! Sowas kann auch mal reichlich unangenehm werden, gerade weil man ja nicht immer und überall im Griff hat, neben wem man zu stehen bzw. sitzen kommt.

Gottlob ist unser Herr Hölzel da aus einem anderen Hölzel geschnitzt! Er konzentriert sich auf unsere Stimmen, lässt uns behend auf- und absingen, Atem- und Zwerchfelllockerungsübungen machen und die Stimmbänder in Fahrt kommen.

Und wenn Frau L. da ist, dann machen wir Stimmübungen nach der Terlusollogie. Wie bereits erwähnt, werden dabei die verschiedenen Atemtypen berücksichtigt. Oft bedeutet das lediglich, dass die Übung – je nach Typ – mit anderen Konsonanten angesungen wird. Auch die Singrichtung ist unterschiedlich, je nachdem, ob ich Einatmer oder Ausatmer bin. Die kann man sich leicht merken: Einatmer singen in sich hinein, Ausatmer singen von sich weg. So grob beschrieben. Als Eselsbrücke kann man es sich auf jeden Fall so herleiten.

Gern angewendet wird auch das Gratteln. Haben Sie schon einmal gegrattelt? Nein? Das ist ganz einfach: man lässt den Kehlkopf fallen, öffnet den Mund und knattert so tief und locker wie nur möglich mit der Stimme vor sich hin. Das klingt nicht sehr damenhaft, ist aber offenbar gut für die Lockerheit der Kehle. Wenn man das auf den Vokal ‚öööö‘ macht, dann klingt das ein bisschen so, als habe man gerade eine Flasche Sprudel geleert und müsse nun ordentlich aufstoßen. Das finde ich spaßig. Ich bin ein bisschen albern, müssen Sie wissen.

Eine Übung für den korrekten Sitz der Vokale ist der „große Indianer“. Ob das der offizielle Name für die Übung ist, weiß ich nicht; auf jeden Fall nennt Frau L. sie so. Sie erscheint einem auf den ersten Blick ein wenig seltsam (die Übung, nicht Frau L.), weil man dabei so etwas ähnliches wie das Kriegsgeheul der Indianer anstimmt (natürlich sehr kultiviertes Geheul!), aber ich ziehe sie den gymnastischen Übungen, die ich eingangs beschrieben habe, auf jeden Fall vor, denn bei ihr spüre ich auch einen wohltuenden Effekt.

Und als gut eingesungener Indianer begebe ich mich hernach entspannt auf den Kriegspfad!

 

 

 

15. Juni 2012

 

Kleider machen Leute

 

Wie ich schon mal berichtet habe, tragen wir bei den meisten Konzerten schwarz. Ich persönlich finde das sehr gut. Da gibt es keine Diskussionen, denn wie sich ‚schwarz‘ definiert, ist eindeutig.

Allerdings ist ein Konzert ja immer ein besonderer Anlass, und wie viele andere Menschen habe ich das Bedürfnis, mich zu besonderen Anlässen schick zu machen. So stehe ich jedes Mal vor meinem Kleiderschrank und prüfe die Möglichkeiten, die Vorgabe ‚schwarz‘ mit meinem Bedürfnis nach ‚schick‘ in Einklang zu bringen. Nun ist schwarz nicht unbedingt eine Farbe, die mich kleidet. Daher ist die Auswahl meiner schwarzen Kleidungsstücke sehr begrenzt. Sie sind entweder praktisch oder schick. Und genau hier beginnen meine Probleme! Lassen Sie mich dazu ein wenig ausholen:

Frau Wassermann ist eine Frau, die immer top vorbereitet und mit allem Notwendigen bestens ausgerüstet ins Konzert geht. So hat sie immer ein kleines Set an Büroklammern und einen Kugelschreiber im Notendeckel klemmen, mit denen sie bei Bedarf auch kurzfristig angesagte Besonderheiten in ihren Noten markieren kann. Und unter einer dieser Büroklammern klemmt immer griffbereit ein Tempotaschentuch. Die Nase könnte ja anfangen zu laufen. Und wenn keine Hosentasche verfügbar ist, ist das eine optimale Art, das Taschentuch bereit zu halten. Ich bin jedes Mal beeindruckt, woran sie alles denkt und wie sie das schafft, dass nie etwas ins Rutschen kommt und runterfällt. Ich würde mich auch nicht wundern, wenn sie irgendwann mal noch eine Regenhaube (falls während des Konzerts das Kirchendach undicht wird) und einen Müsliriegel (gegen einen Anfall von Unterzucker) im Notendeckel klemmen hätte.

Frau Wassermann ist, wie Sie sehen, also eine überaus praktisch veranlagte Frau und schätzt Bequemlichkeit und Komfort. Wie sie es schafft, trotzdem immer wie aus dem Ei gepellt auf der Bühne zu stehen, immer in Kleid oder Rock, in Pumps, perfekt frisiert und geschminkt, ohne auch nur das geringste Anzeichen von Anspannung oder Ermüdung zu zeigen, ist mir ein Rätsel. Ich sprach sie vor einiger Zeit mal darauf an, und sie erklärte mir lapidar, sie wähle halt immer ein Paar bequeme Pumps aus, und dann gehe das schon.

Bequeme! Pumps! Das ist, als spräche jemand von sonnigem Regen, von staubiger Suppe oder von einem angenehmen Abend mit Gotthilf Fischer - es ist ein Paradoxon erster Güte!

Und um nun auf meine Probleme zurückzukommen: mein Bedürfnis, mich schick zu machen, stellt mich bei meiner Auswahl an schwarzer Kleidung vor die Unannehmlichkeit, dass – wie gesagt – die schicken Sachen nicht bequem sind. Oder keine bequemen Schuhe zulassen. So stehe ich dann jedes Mal ziemlich bedröppelt da, weil ich eben nicht so leidensfähig bin wie Frau Wassermann.

Am Ende wähle ich meist irgendein Mittelding: für oben rum, wo’s der Konzertbesucher sieht, was schickes, und Hosen und Schuhe, die „irgendwie gut“ aussehen und „irgendwie bequem“ sind. Schließlich will ich ja nicht, dass jemand nach dem Konzert fragt: „Wer war denn die Vogelscheuche neben Frau Wassermann?“

 

 

14. Juni 2012

 

Einatmer und Ausatmer

 

Wir haben das große Glück, seit einiger Zeit Stimmbildung zu genießen. Der Vorstand des Chores hat das organisiert, und nun kommt Frau L. alle paar Wochen angereist und macht uns für die Probe fit.

Von Frau L. hörte ich zum ersten Mal von der Terlusollogie. Sie teilt die Menschheit in zwei Atemtypen auf: die Einatmer und die Ausatmer. Einfluss darauf, ob man Ein- oder Ausatmer ist, haben Sonne und Mond und deren Position zum Zeitpunkt der Geburt eines Menschen. Ich habe nicht ganz verstanden, wie der Einfluss genau ermittelt wird, aber ich bin auf jeden Fall eine Einatmerin. Wenn man nicht ganz sicher ist (ich bin z. B. „nur“ eine hochprozentige (sic!) Einatmerin) oder keinen Terlusollogiekalender zur Hand hat, kann man das auch mehr oder weniger nach Gefühl ermitteln, indem man sich vorstellt, man hübe einen schweren Gegenstand auf ein hohes Regal. Würde man bei dieser Anstrengung eher ein- oder eher ausatmen? Et voilà: schon ist der Atemtyp bestimmt!

Frau Wassermann war an dem einen Abend nicht da, als Frau L. jedem mitteilte, welcher Typgruppe er bzw. sie angehört. Als ich Frau Wassermann die Woche drauf (nicht mehr daran denkend, dass sie ja nicht da gewesen war) fragte, ob sie Einatmerin oder Ausatmerin ist, schaute sie mich ein bisschen so an, als ob sie mir gleich an die Stirn fassen wollte, und meinte: “Ich atme sowohl ein als auch aus.“ Ich erklärte ihr die Sache dann, sie überlegte kurz und entschied, dass sie Ausatmerin ist.

Einatmer und Ausatmer brauchen für die optimale Entwicklung ihrer Stimme unterschiedliche Atem- und Stimmübungen.

Einatmer sollen sich z. B. vorstellen, sie sängen für die Menge, die hinterihnen steht. Ausatmer dagegen sollen gedanklich die imaginären Reihen und Ränge vor sich beschallen.

Der Einatmer hebt beim Singen den Kopf, der Ausatmer neigt ihn ein wenig nach unten.

Bei hohen Tönen soll sich der Einatmer behelfen, indem er die Zehen ein- und nach unten rollt (ein Unterfangen, mit dem ich übrigens völlig überfordert bin!). Der Ausatmer hingegen hebt seine Zehen am besten ein wenig an.

Am meisten liebe ich jedoch die Vorgabe, dass Einatmer sich locker in den Stuhl lümmeln und nach hinten lehnen dürfen (was für eine Wonne!), wobei für Ausatmer das aufrechte Sitzen auf der Stuhlkante angesagt ist.

Warum das alles funktioniert, weiß ich nicht. Aber es funktioniert tatsächlich! Die Stimme klingt sofort besser, lockerer, klarer und: ich werde nicht so schnell heiser. Fantastische Sache! 

  

 

13. Juni 2012

 

Das richtige Auftreten

 

Der Chor, in dem ich singe, besteht seit nunmehr 128 Jahren. Natürlich sind keine Gründungsmitglieder mehr dabei, aber etliche der Sänger und Sängerinnen haben dennoch jahrzehntelange Erfahrung in diesem Chor gesammelt und schon unzählige Konzerte mitgemacht.

Bei diesen Konzerten trägt der Chor immer schwarz. Naja, fast immer. Auf jeden Fall haben wir glücklicherweise keine einheitlichen Chorgewänder, sondern kleiden uns ganz individuell, meist eben in schwarz. Das gibt auf der Bühne oder im Chorraum ein gutes Bild.

Was allerdings zu wünschen übrig lässt, ist der Einmarsch. Minutiös wird im Vorfeld besprochen und geplant, welche Stimmgruppe als erste die Bühne betreten und in welcher Reihenfolge sich die einzelnen Reihen aufstellen sollen. Erst die hinteren Reihen der Bässe, dann die vorderen, dann gleiches mit dem Tenor, dem Alt und zum Schluss der Sopran. Wir reden so lange darüber, bis jeder es verstanden hat.

So weit die Theorie.

Meist ist es nämlich so, dass es die Frauen etwas früher zum Bühneneingang drängt als die Männer. Die sehen das alles etwas lockerer und stehen offenbar auf dem Standpunkt, das Konzert werde schon nicht ohne sie beginnen. Allerdings erschwert das die Sache mit dem "die Bässe zuerst". Sie wuseln irgendwo hinter der ganzen Masse von Chorsängern herum, die vor dem engen Eingang zusammengepfercht steht, und kommen irgendwie nicht durch. Also stöhnen die Altistinnen auf und machen Platz. Der einzige Ausweg führt aber auf die Bühne. Und so kommt es, dass, wenn die ersten Bässe die Bühne erreichen, stets schon ein paar Altistinnen und Sopranistinnen wild verstreut auf den Stufen stehen und mit heftig winkenden Armbewegungen jeden hinzukommenden Sänger an seinen Platz expedieren. Als Hintergrundgeräusch hört man von vor dem Bühneneingang mehr oder weniger leise gezischte Rufe wie "Frau Bausteller, wo bleibst du denn? Du musst doch vor mir rein!" Ein wildes Getrappel hebt an, und wieder einmal waren sämtliche Absprachen bezüglich des geordneten Auftritts für die Katz'!

Mir kommt es manchmal vor, als säßen im Publikum einige, die dieses Schauspiel als heitere Einleitung unserer Konzerte mittlerweile sehr zu schätzen wissen und sich richtig darauf freuen. Dass hinterher möglicherweise ein dramatisches Requiem auf dem Programm steht, stört dabei niemanden.

Ich warte nur noch drauf, dass unser Einmarsch auch mal in der Konzertkritik Erwähnung findet und eine A- und B-Note erhält. Man mag es sich gar nicht vorstellen…!

 

 

11. Juni 2012

 

Füeschtet Eusch nischt!

 

Neben den richtigen Tönen ist natürlich auch der Text nicht ganz unwichtig. Herr Hölzel legt großen Wert auf gute Verständlichkeit, also auf eine deutliche Artikulation.

Unter „deutlicher Artikulation“ versteht er bei einem deutschen Text folgende Dinge:

a) präzise und deutlich hörbar abgesprochene End–t’s und –d’s

b) rollende Rrrrr’s

c) insgesamt eine Aussprache nach der bundesdeutschen Standardsprache

Für Anforderung a) ist Frau Gärtner unsere Spezialistin. Sie spricht die T’s und die D’s mit einer Leidenschaft, Präzision und Vehemenz ab, dass es eine Freude ist und ich mich getrost zurücklehnen und das Wortende vor mich hinnuscheln kann, denn die Klangfülle ihrer Konsonanten reicht locker für drei Sänger/-innen.

Anforderung b) kann nur von jemandem kommen, der entweder aus der Stadt meines Chores oder aus Bayern stammt; ich jedenfalls muss eingestehen, dies niemals leisten zu können, da meine Zunge hierfür stur den Dienst verweigert. Rollende Rrrrr’s bekommt Herr Hölzel aber zur Genüge von den anderen, wenn sie nicht mit Anforderung c) kollidieren.

Die nämlich war erst in der letzten Probe wieder ein erheiterndes Thema:

„Fürchtet Euch nicht!“ Diese drei Wörter enthalten drei ch-Laute (was in „unserer“ Stadt stets als „sch“ ausgesprochen wird). Und ein R. Dieses R steht aber mittendrin und nicht am Anfang eines Wortes, und das wird dann eben nicht als „Rrrr“ abgeliefert.

Mit dem Ergebnis „Füeschtet Eusch nischt!“ war Herr Hölzel verständlicherweise nicht sehr glücklich, denn ganz objektiv betrachtet erfüllt es weder Anforderung b) noch Anforderung c). An der Furcht werden wir also noch arbeiten müssen. Ich bin jedoch optimistisch, dass wir das hinkriegen, schließlich sollte ein deutscher Text zu meistern sein.

Noch schwieriger ist für uns da schon die ernstzunehmend korrekte Aussprache des Italienischen. Herr Hölzel wünscht sich besonders bei Vivaldi-Stücken, dass die lateinischen Messetexte italienisch ausgesprochen werden. Wie leicht dabei aber aus einem „Lamm Gottes“ (sprich: anjus dääi) Gottes After wird, sollte m. E. durchaus Berücksichtigung finden. Ein klitzekleines „j“, gesprochen oder nicht gesprochen, entscheidet hier für die zu überbringende Botschaft, ob sie theologisch haltbar ist oder nicht.

 

 

9. Juni 2012

 

Wie finde ich meinen Einsatzton?

 

Das ist eine der Fragen überhaupt! Sie stellt sich hartnäckig immer wieder.

Ein hilfsbereiter Chorleiter, wie unser Herr Hölzel einer ist, hat in solchen Momenten immer einen Tipp parat, wie man sich behelfen könnte. Auch seine Frau weiß immer weiter. Sie weist bereitwillig auf jede sich bietende Eselsbrücke hin, und sei sie noch so weit hergeholt. „Das ist doch ganz einfach“, sagt sie gern, „Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald! Genau das selbe Intervall wie im ‚Kuckuck‘!“ Das stimmt in der Regel auch, nur geht die Melodie nach dem „Kuckuck“ nie mit „…ruft’s aus dem Wald“ weiter, sondern natürlich mit einer vollkommen anderen Tonfolge in einer völlig anderen Tonart!

„Ihr müsst das dann natürlich weiterspinnen, da wechselt es von Fis-Moll nach Es-Dur, da kann man den Übergangston gut herleiten, wenn man aus dem Tritonus eine Oktave nach unten und wieder eine kleine Terz nach oben….“ An diesem Punkt habe ich dann meist schon lange ab- und in den Jaja-Nickmodus umgeschaltet.

An der Absurdität meines Erklärungsbeispiels, das ich Frau Hölzel hier in den Mund lege, erkennen Sie sicherlich, dass ich von diesen Erläuterungen tatsächlich nichts verstehe.

Ich sitze derweil vor meinen Noten und male laaange Pfeile vom dritten Ton des Basses in Takt 64 zu meinem Einstiegston, um den es eigentlich geht. Das müsste zu schaffen sein, sich diesen Ton zu merken und zum richtigen Zeitpunkt abzurufen.
Aus dem betretenen Schweigen, das sich während der Erklärungen von Frau Hölzel in der Regel im Chor breitmacht, deute ich im übrigen heraus, dass ich nicht die einzige bin, deren Harmonielehrewissen eklatante Lücken aufweist.

Was übrigens Dur und Moll anbelangt, habe ich natürlich irgendwann mal irgendwas gelernt, was etwas mit der unterschiedlichen Position der Halbtonschritte innerhalb der Tonleiter zu tun hat. Meine ich mich jedenfalls zu erinnern.

In der Praxis ist Moll allerdings immer dann, wenn mir warm ums Herz wird, und bei Dur schreitet die Melodei dann wieder forsch und fröhlich voran. Erstaunlich oft ist diese Art der Diagnosestellung durchaus erfolgreich und trifft die Sache genau. Aber mich fragt ja ohnehin nie jemand, ob eine Passage in Dur oder Moll gehalten ist; Hauptsache, ich singe sie richtig!

 

 

7. Juni 2012

 

Hier entsteht in Kürze…

 

Unser Chor verfügt seit mehreren Jahren (auf jeden Fall schon recht lange) über eine eigene Homepage. Sie soll über alles informieren, was wer auch immer über den Chor wissen wollen könnte: Entstehungsgeschichte, Repertoire, anstehende Konzerte und einiges mehr. 

Momentan beschränkt sich der Inhalt jedoch fast ausschließlich auf die vollmundige Ankündigung, dass „hier die Website des …-Chores entsteht“. „In den nächsten Wochen“, so lautet die optimistische Kunde, werde sich „die Seite hoffentlich mit vielen Informationen rund um den Chor füllen“. 

Allein, die Hoffnung erfüllt sich seit vielen Monaten nicht. Der Text steht da seit Anbeginn unverändert wie ein Fels in der Brandung. Viele Konzerte sind seither absolviert, unzählige Proben abgehalten worden. 

Diese Proben sind das einzige, was die Homepage am Leben erhält. Denn nur der Probenplan wird dort gepflegt und veröffentlicht. Er ist allerdings nicht zum tumben, gedankenlosen Konsum geeignet – nein, Mitdenken ist immer empfehlenswert! 

Ende Mai lasen wir da nämlich z. B.: „Achtung! Am Donnerstag, 04.06., um 20 Uhr Probe!“ 

Da stutzt der regelmäßige Leser! „Achtung? Wieso Achtung? Es ist doch immer am Donnerstag Probe. Aber halt! Nächste Woche ist am Donnerstag ein Feiertag. Sicher will der Eintrag darauf hinweisen, dass trotz Feiertag geprobt wird.“ Was sehr ungewöhnlich wäre. Also liest der aufmerksame Leser den Eintrag noch einmal. Und aufmerksam, wie er ist, fällt ihm auf, dass am Donnerstag der 7.6. ist. Der 4.6. fällt auf einen Montag. „Aha!“, denkt der Leser nun, „Obacht ist also sicherlich wegen des Montags geboten, der wegen des Feiertags am Donnerstag zum Probentag erklärt wird.“ Sie sehen, eine gewisse Cleverness und ein allzeit hellwacher Zustand werden bei den Chormitgliedern vorausgesetzt. 

Am Donnerstag vor dem fraglichen 4.6. wurde jedoch in der Singstunde diese außerordentliche Probe eigens angesprochen. Einige waren überrascht zu erfahren, dass montags Probe sein würde, denn sie hörten da zum ersten Mal davon. Darauf hingewiesen, dass diese Übungsstunde aber doch schon lange auf dem Probenplan stehe, wagten sie anzumerken, dass sie den Probenplan nicht kennen. Unser Probenplan hat nämlich zwar den Vorteil, auf der Homepage veröffentlicht zu werden, er hat aber auch den Nachteil, nur auf der Homepage veröffentlicht zu werden. 

Einen PC hätten sie zu Hause nicht, sagten die Überraschten, sie seien sehr gut 75 Jahre alt geworden ohne Computer, und sie gedächten auch nicht, sich nur wegen des Probenplans einen anzuschaffen. Seltsamerweise stieß das auf leichte Verwirrung bei der Vorstandschaft. Wo die doch - so computeraffin, wie sie ist – einfach einen Ausdruck vom Plan machen und ein paar Kopien davon unter denen verteilen könnte, die ihn sich gern an den Kühlschrank hängen möchten. Das ist zwar nicht modern, aber allemal billiger und einfacher als Internet für alle.

 

 

6. Juni 2012 

 

Baal, erhöre uns!  

 

Jetzt haben verstärkt die Proben am „Elias“ angefangen, nachdem das Mai-Konzert, bei dem ich ausnahmsweise nicht dabei war, erfolgreich über die Bühne gegangen ist. (Die Kritiken waren hervorragend wie noch nie; muss mir das zu denken geben? *kopfkratz*)

            Der „Elias“ gefällt mir bis jetzt sehr gut; überhaupt geht mir die Musik von Mendelssohn immer sehr zu Herzen – im positivsten Sinn, den man sich nur denken kann. Der Brustkorb weitet sich, der Herzschlag wird schneller, die Stimmung steigt und selbst ich, die ich berühmt bin für meine ernste Miene, singe sie mit einem Lächeln. Zumindest fühlt sich mein Gesicht so an.

Letzten Donnerstag hat Herr Hölzel die Einteilung vorgenommen für die doppelchörigen Passagen des Oratoriums. Wie er allerdings dabei auf die Idee verfallen konnte, die Leute je nach dem aufzuteilen, was sie beim Vivaldi im Mai gesungen hatten, wollte niemand so recht verstehen. Deswegen wurde kurzerhand die Demokratie geübt (was in einem Chor ja eigentlich eine nicht sehr praktikable „Regierungsform“ ist) und gemeinsam festgelegt, dass es sinnvoller wäre, jede/n die Stimme singen zu lassen, die er/sie bereits bei der letzten „Elias“-Aufführung gesungen hat.

Auf die ergo gestellte Frage „Wer hat denn beim letzten Mal im 1. Alt gesungen?“ gingen etliche Finger in die Höhe. Klar, ich wollte neben Frau Wassermann sitzen bleiben, neben der ich immer sitze, deswegen hob ich, als sie sich meldete, ebenfalls die Hand. Ich hab mir den achtstimmigen Satz nämlich mal angeschaut und festgestellt, dass ich nicht die geringste Erinnerung daran habe. Es ist also gut möglich, dass ich vor ca. 20 Jahren tatsächlich den 1. Alt gesungen habe.  Wenn auch mit einem anderen Chor, aber das ist ja völlig unerheblich.

Frau Nowitzky ging ganz ähnlich vor; Frau Grau wusste nicht mehr so recht, Frau Nowitzky war beim letzten Mal gar nicht dabei gewesen, also meldeten sie sich einfach irgendwie dazu. Man hat ja so seine Präferenzen, neben wem man sitzen, singen und mit wem man zwischendurch quasseln will. Kennt man ja auch aus anderen Chören.

Der 1. Tenor war leider im wahrsten Sinne des Wortes ausgestorben. (In den letzten Jahren musste der Chor viel zu oft bei Beerdigungen singen…) Traumhafte, nicht ersetzbare Tenorstimmen, nach denen sich jeder Laienchor die Finger lecken würde, sind verloren. Nun muss Herr Hölzel sehen, wen er umlernen lässt. Herr Schuster hat sich am Donnerstag schon sehr wacker geschlagen.

Dass mir der doppelchörige Teil völlig fremd vorkommt, erinnerte mich wieder daran, wie unangenehm das Konzert von damals für mich war. Ich hatte seinerzeit nur aushilfsweise in einem mir unbekannten Chor mitgesungen und mir das Stück in einer Hauruck-Aktion mit nur 3-4 Proben „draufgeschafft“. Entsprechend unsicher war ich in der Aufführung. Und die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, dass alle (aus dem Publikum) nur auf mich schauten und darauf warteten, dass ich irgendwann den Mund nicht mehr bewege, und dass alle (aus dem Chor) nur auf meine falschen Töne hörten. Ich träume noch heute davon, dass mich jemand schnappt und mir sagt, ich müsse in dem Konzert, das in 5 Minuten anfängt, das Solo singen. (Obwohl von Solo damals natürlich nie die Rede war, aber Träume sind ja grundsätzlich sehr erfindungsreich. So taucht in den meinen sehr oft meine alte Mandoline auf, die ich mit 13 Jahren für immer aus der Hand gelegt habe, um von mir ein völlig unvorbereitetes Saitensolo vor ausverkauftem Haus zu fordern (immer ein Solo, merkwürdig…!). Gottlob wache ich immer rechtzeitig auf, bevor die Katastrophe in Gang kommt!)

Dass ich mit dem Konzert in diesem Jahr dieses Trauma zu bewältigen gedenke, habe ich am Donnerstag Frau Wassermann erzählt, die erst mal nicht schlecht staunte, inwiefern dieses Projekt zur Traumabewältigung taugen soll. Als sie jedoch hörte, worum es konkret geht, tröstete sie mich und prophezeite mir, dass ich ihr bis im November sicher zu jeder Tages- und Nachtzeit, selbst aufgerüttelt aus einer Tiefschlafphase, jedwede Passage des „Elias“ auswendig vorpfeifen könne. Mal sehen, ob sie recht behält und ab Dezember die Träume wirklich aufhören.

 

 

August 2012

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