Frau Schletterer singt nicht mehr

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Lebenserinnerungen
28.12.2016 04:41

Vor einiger Zeit erzählte mir ein Bekannter, er sei gerade dabei, seine Memoiren zu schreiben.
Zugegeben, er ist alt genug, um auf sein Leben zurückzublicken, das Meiste dürfte gelebt sein. Er ist Mitte siebzig, da hat man schon einiges hinter und nicht mehr so schrecklich viele Jahre vor sich.
Aber dennoch stutzte ich, als ich das hörte.

Memoiren, das sind doch Aufzeichnungen, die man für andere macht. Für Leute, die es interessiert, was im Leben eines anderen geschehen ist, was die Schlüsselerlebnisse waren, was der Person wichtig war, wofür er/sie Leidenschaft oder Ablehnung gefühlt hat.

Nur frage ich mich: wer sollte sich für die Erinnerungen eines Herrn interessieren, der nie in der Öffentlichkeit stand, den eben nur diejenigen kennen, die direkt mit ihm gelebt haben oder ihm in Freundschaft begegnet sind?
Was bezweckt er damit? Geht es ihm nur darum, sich seiner selbt wieder einmal zu besinnen, sich wieder ins Gedächtnis zu rufen, was ihm einmal wichtig war, um für sich bewerten zu können, wie treu er sich geblieben ist?

So wie ich ihn kenne, geht es bei ihm hierüber hinaus. Ihn schätze ich so ein, daß er sich sehr wohl wünscht, daß andere, vor allem die, die ihm mal sehr nahe standen, seine Memoiren auch lesen – zum einen, weil ihm der Einsatz von Sprache sehr wichtig ist, zum anderen, weil er nur so die Möglichkeit hat, ungestört seine eigene Sicht auf all die Dinge, die in seinem Leben passiert sind, darzulegen. In einem Gespräch hat man diese Möglichkeit nie. Das Gegenüber wird immer etwas einzuwenden bzw. ein „Aber…“ entgegenzusetzen haben.

Mich werden diese Memoiren wahrscheinlich nicht zum Lesen animieren. Ich bin so sehr geprägt von dem, was ihm im persönlichen Gespräch immer wieder zu betonen wichtig ist, daß ich davon ausgehe, daß auch seine Aufzeichnungen stark um dieses eine wichtige Thema (das für mich jedoch grandios nebensächlich ist) kreisen werden.

Außerdem frage ich mich nicht erst heute und im Zusammenhang mit den Memoiren dieses Bekannten, wie jemand überhaupt in der Lage sein kann, sein Leben im Ganzen revue passieren zu lassen.
Wenn ich mich an mein Leben zurückerinnere, klaffen da eklatante Lücken! Es sind nur diese wenigen Momente, die starke Gefühle ausgelöst oder mein Leben in eine wesentliche Richtung gelenkt haben, an die ich mich zweifelsfrei erinnern kann. Dinge, die so alltäglich wie unspektakulär passiert sind, und Menschen, die nur sehr kurz Teil meines Lebens waren, sind aus meinem Gedächtnis längst wieder verschwunden. Nicht, weil sie ein Erinnern nicht wert wären, sondern doch eher, weil man Kopf und Herz dafür braucht, sich auf das und diejeningen zu konzentrieren und einzulassen, die einen dauerhaft oder zumindest gerade im Moment durchs Leben begleiten.
Wie sollte ich andere an meinen Erinnerungen teilhaben lassen, wenn sie mir selbst zu einem großen Teil verloren gegangen sind? Und wieso sollte sich irgendjemand dafür interessieren, welche Erinnerungen noch da und warum sie mir wichtig sind? Das ist eine so höchst persönliche Sache, die ich, glaube ich, auch gar nicht würde teilen wollen.

 

Die protestantische Predigt

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