Frau Schletterer singt nicht mehr

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Fe
Nostalgisches
10.02.2016 06:31

Am Wochenende stolperte ich, als ich auf der Suche nach einer CD war, die ich als Tafelmusik zum Abendessen auflegen wollte, über eine Audio-Kassette mit der Aufnahme eines Konzerts aus dem Jahr 1996. Wow! 20 Jahre ist das schon her, daß ich mit einem Kammerchor aus meiner Heimatstadt ein wunderschönes Brahms-Programm zum besten gab! Ich erinnere mich daran, als wäre es erst vor 5 Jahren gewesen, aber daß ich die Aufnahme ganz vergessen hatte, wundert mich doch. Und dann legte ich zum Essen eben diese Kassette ein und war gespannt, ob die Aufnahme meine Erinnerung, daß dies ein besonders gut gelungenes Konzert gewesen war, bestätigen würde.

Und ob! Ich kam irgendwie gar nicht richtig zum Schneiden, Gabeln und Kauen, weil ich vor lauter Verzückung mit geschlossenen Augen am Tisch saß und mich dem schönen Klang und der Erinnerung hingab. Tatsächlich hatte ich noch einige der Stücke gut parat, und einzelne Sachen hätte ich fast noch auswendig mitsingen können (ohne Text zwar, aber immerhin die Töne). Allerdings machte mir die 20 Jahre alte Aufnahme aber auch deutlich, daß auch ich gealtert bin, denn immer wenn der Alt zu hören war, wurde mir klar, daß meine Stimme so heute nicht mehr klingt. Und doch machte mich die Gewißheit stolz, damals zu diesem wunderbar homogenen Chorklang beigetragen und das alles nicht in allzu verklärter Erinnerung zu haben.

Das Singen in einem Kammerchor ist ja nicht vergleichbar mit dem Mitwirken in einem Oratorienchor (wie der, in dem ich zur Zeit singe, einer ist). Im Kammerchor singt man ganz andere Werke, und auf jede einzelne Stimme kommt es viel mehr an als in einem großen Chor. Man trägt viel mehr Verantwortung für den Gesamtklang – was den eigenen Fähigkeiten mehr Bedeutung verschafft, im Positiven wie im Negativen. Ich erinnere mich gut, daß das oft ein Quell der Freude und des Stolzes, oft aber auch sehr desillusionierend und anstrengend war. Ich habe schon öfter damit geliebäugelt, mir wieder einen Kammerchor zu suchen, in dem ich mitsingen könnte, aber ich bin gar nicht so sicher, ob ich dem heute noch so gerecht werden könnte, wie ich mir das von mir selbst wünschen würde. Vielleicht es also besser für mich, mich der schönen Zeiten in den Neunzigern zu entsinnen und ansonsten allem seine Zeit zu lassen…

Wohl- oder Übelgerüche

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