Frau Schletterer singt nicht mehr

02
Ja
Oma
02.01.2017 03:51

Aus irgendeinem Grund mußte ich gestern kurz an meine Oma denken. Ich kann nicht eindeutig sagen, was in mir diesen Erinnerungsfetzen aufgewirbelt hat, aber er kam ganz plötzlich und trieb dann eine Weile an der Oberfläche. Wahrscheinlich war es ein ähnlicher flüchtiger Anlaß wie der Geruch von nassen, alten Sandsteinplatten, die man oft vor Kirchen oder in Vorgärten alter Villen findet, und die mich auch immer an meine Oma denken lassen, oder besser: an den Hof hinter ihrem Häuschen.

Meine Oma wohnte die letzten Jahre ihres Lebens nicht mehr in diesem besagten Häuschen, sondern hatte ihr Haus samt Grundstück eingetauscht gegen eine Eigentumswohnung in dem Haus, das auf dem Nachbargrundstück bereits gebaut worden war, bevor dann nach ihrem Umzug auf ihrem Grundstück ein weiteres Mehrfamilienhaus entstand.
In dieser Wohnung sehe ich sie in meiner Erinnerung nie. Immer sitzt sie vielmehr auf dem braunen Sofa im Wohnzimmer ihres alten Häuschens, ein Buch in der Hand, vor sich das Usambaraveilchen auf dem Tisch („weil die so wenig Wasser brauchen“) und neben sich das Strickzeug, das sie für 50 Seiten lesen kurz weggelegt hat. In den braunen Ofen mit der beigen Vorderseite hat sie gerade vor fünf Minuten frisch Öl aufgefüllt, so daß es im Zimmer gut warm ist.
Die Tür zum Eßzimmer, das sie immer nur dann nutzt, wenn Besuch da ist, steht offen und gibt den Blick frei auf die Chaiselongue („Schässlong“) mit dem weinroten, elastischen Kunstfaserbezug, auf dem ich immer schlief, wenn ich ein paar Tage bei ihr verbrachte.

Ich übernachtete gar nicht gern bei ihr, was aber nicht an ihr lag, sondern daran, daß ich ein schreckliches Mama-Kind war und immer gleich Heimweh bekam, wenn ich mal woanders war.
Aber ich war sehr gern bei ihr zu Besuch. Meine Oma war eine schwierige Frau, das ist mir heute klar, aber als Oma für Kinder war sie in mancher Hinsicht ziemlich gut!
So spielte sie, obwohl sie damals ja schon eine alte Frau war (ja, ich weiß, das war sie nicht, aber es kam mir halt so vor), oft mit mir in diesem Hof, dessen Sandsteinplattengeruch mir so im Gedächtnis geblieben ist. Sie hatte da so tennisballgroße Plastikbälle, die wir immer mit einem Spätzlebrett hin- und herschlugen. Tennis für Arme sozusagen. Und manchmal landete der Ball auch im Nachbargarten, bei „d‘r Miller Lissl“. Wenn die sich gerade dort aufhielt, bekamen wir den Ball nicht eher zurück, bis besagte Lissl meiner Oma ausführlich von ihrem letzten Arztbesuch oder von den Schmerzen in ihren Hüften erzählt hatte. Aber das erzählte sie ihr auch, wenn der Ball gar nicht nach drüben geflogen war, sondern wir uns nur so draußen aufhielten oder uns auf unsere Spätzlebrettschläge konzentrierten.
Die Miller Lissl war eigentlich ganz nett, fand ich, ein wenig einfältig halt und krank und alt. Meine Oma schaute, wenn ich das richtig sehe, ein bißchen auf sie herab, wohl wegen ihrer Einfältigkeit. Den wahren Grund verstand ich nie. Auf jeden Fall kann ich mich erinnern, daß meine Oma sich mächtig aufregte, als die Lissl eines Tages mit haargenau dem gleichen Brillengestell auftauchte, das meine Oma sich ein halbes Jahr zuvor gekauft hatte. Sie tobte vor Wut, denn daß die Lissl sich die gleiche Brille leisten konnte wie sie, war für sie inakzeptabel! Wenn ihre Gläser nicht so schrecklich teuer gewesen wären, wäre meine Oma wohl sofort losgelaufen und hätte sich eine neue Brille machen lassen.
Sie war halt eitel, meine Großmutter.
So wäre sie z. B. auch sonntags nie in Schuhen zur Kirche gegangen, deren Absätze schon mal neu besohlt worden waren. Wie wenn das jemals jemand anderem wichtig gewesen wäre, zumal man sowas ja oft gar nicht erkennen kann.
Und wenn sie sich neu einkleidete, dann mußte zu dem neuen Rock und zur Bluse unbedingt auch ein neuer Mantel her, der farblich dazu paßte – ob man unter dem Mantel Rock und Bluse sah oder nicht. Hierzu gehörte natürlich auch passender Hut und Regenschirm!

Bei der Hochzeit meiner Schwester aber war das, worüber wir sonst immer lächelten, ein Grund, stolz auf Oma zu sein. Denn sie war mit Abstand die bestaussehende und bestgekleidete Dame auf dem ganzen Fest! Wie aus dem Ei gepellt stand sie da, und nicht wenige hielten sie für die Frau meines Vaters (der ihr Sohn ist) – was wahrscheinlich auch dem Umstand geschuldet war, daß sie nur 19 Jahre älter war als er und sich mächtig gut gehalten hatte.

Und jetzt lebt sie schon seit 11 Jahren nicht mehr – fast 91 ist sie geworden.
Und sie war bis zum Schluß auf eine gute Erscheinung bedacht. Sie war zwar am Ende ein wenig wacklig auf den Beinen und saß im Grunde den ganzen Tag nur noch in ihrem Lesesessel; aber als ich seinerzeit mit meiner Freundin bei ihr vorbeikam, um die beiden einander vozustellen, schoß sie wie ein geölter Blitz aus eben jenem Sessel in die Höhe und reichte aufrecht stehend meiner Freundin die Hand, um sie in der Familie willkommen zu heißen.

 

Physik für Dummies
Der Südwestfunk und ich

Kommentare


Datenschutzerklärung