Frau Schletterer singt nicht mehr

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Social Media
18.11.2016 15:15

Man nehme ein dünnes Sätzchen, spicke es mit ein wenig Kitsch, rahme es in weißer Spitze ein und poste es auf Facebook. Seien Sie versichert, es finden sich auf der Stelle genügend Menschen, die Ihnen ein „Like“ spendieren, sich in Ihrem Post sofort wiederfinden und total verstanden fühlen!
„Verbringe deine Zeit nicht mit Menschen, die dir nicht gut tun. Das Leben ist zu kurz, um es an solche zu verschwenden, die deiner Seele Schaden zufügen.“
„Ich wünschte, der Himmel täte sich auf, und ich könnte für ein paar Minuten wieder bei dir sein.“
„Wahre Freunde erkennst du nicht an der Größe ihrer Geschenke, sondern daran, daß sie in schwierigen Zeiten bei dir sind.“
Solche und andere geistigen Dünnpfiffe wuchern die sozialen Netzwerke voll, meistens enthalten sie noch mehrere Schreib- und Zeichensetzungsfehler, aber die Welt hält sie für die Weisheiten bedeutender Intellektueller oder Spiritueller. Es ist zum Auswachsen!

In einer Zeit, in der solche Unsäglichkeiten als kluge Worte gelten und den Menschen ein aus der Tiefe der Seele, wenn nicht des Gekröses kommendes Seufzen entlocken, muß man sich nicht wundern, wenn jede noch so unversehrte, ein unbeschwertes Leben führende Person plötzlich bei sich doch auch eine verwundete Seele zu entdecken meint, um die sich zu kümmern und zu sorgen sie viel zu lange vernachlässigt hat. Urplötzlich laufen überall Menschen umher, die tief in sich hineinhorchen und mantraartig vor sich hinplappern, daß natürlich auch sie etwas wert sind, obwohl ihre Nase zu dick und ihre Beine zu kurz sind und ihr Bildungsabschluß nur ein mittlerer ist. Und war da nicht etwas Oberflächliches und Gehässiges im Lachen der besten Freundin am letzten Freitag, als sie so ausgelassen miteinander scherzten? Kann man sich sicher sein, daß diese Freundin in schwierigen Zeiten wirklich noch die beste Freundin wäre? Und zack! – wieder ein zerrüttetes Selbstbewußtsein, wo vorher ein in sich ruhender, froher Mensch gewesen ist.

Das kritiklose Konsumieren vermeintlicher Weisheiten ersetzt das Nachdenken. Schlimmer: es impft den Leuten ein, daß jeder nicht nur sein eigenes Päckchen zu tragen hat, sondern für sich gar das Recht einfordern kann, bitteschön auch ein kranke Seele sein Eigen zu nennen, die Rücksicht, Pflege und Liebe braucht und als Rechtfertigung dienen darf für Egoismus, Eigenbrötelei und Rumgezicke.

Das ist nicht nur dämlich und nervt, sondern es ist eine Ohrfeige an all jene, die tatsächlich traumatisiert oder aus anderen Gründen an der Seele erkrankt sind!

Deswegen: laßt es sein! Postet meinetwegen noch mehr niedliche Katzenvideos, oder zeigt eure Lebensfreude durch dämliche Witze, aber hört auf mit diesem peinlichen Pubertärkram!

 

Time to say Good bye
Der Advent kommt

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