Frau Schletterer singt nicht mehr

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Sprachlos
30.11.2015 06:12

Am Wochenende nahm ich an einem Musizierwochenende teil - mit meinem Instrument, dessen Namen hier unausgeschrieben bleiben soll, damit nach diesem meinem Bericht nicht gegoogelt werden kann – bzw. damit derjenige ihn nicht findet, der das Internet nach dem Namen des Instruments durchsucht.

Es handelt sich um ein Zupfinstrument, das recht einfach erlernbar und nach weniger Übung schon gut spielbar ist. Diesen Umstand hatten sich offenbar zwei Damen, die sich zu dem Weihnachtsliederzupfen angemeldet hatten, allzu bewußt gehalten; ich möchte sogar sagen: sie hatten diese allgemein bekannte Aussage über dieses Instrument so leuchtend vor sich hergetragen, daß sie gar nicht auf die Idee gekommen waren, sie könnten mit dem, was sie an Musikalischem da erwartete, überfordert sein.

Aber ach! Die eine Frau war wirklich, ganz ehrlich, die völlig Falsche für diese Zusammenkunft! Sie war dermaßen amusisch, daß sie noch nicht einmal hörte, daß ihr „Macht hoch die Tür“ mit dem, wie es allgemein gesungen wird, nicht die geringste Ähnlichkeit hatte. Das Lied steht im Dreivierteltakt. Ein Dreivierteltakt ist dadurch gekennzeichnet, daß ein Takt aus drei gleichmäßigen Schlägen besteht. Und hierbei liegt die Betonung auf „gleichmäßig“! Eine Vokabel, die die gute Damen offenbar nicht im Wortschatz hat. Denn wenn man sie aufforderte, diese Note einen Schlag zu halten, die nächste aber drei Schläge lang, dann klang ihr Zählen ungefähr wie folgt: „Eins… (Pausepausepause) einszweidrei… (Pausepause) einsss… (Pausepausepause) eins zwei…“ usw.. Wir waren alle fassungslos! Und dann erzählte sie auch noch, daß sie hin und wieder für Alte, Kranke und Demente spiele, und daß die es ja nicht so merkten, wenn man nicht gar so exakt spiele. Da sei nur ein Mann, der immer vor sich hin schimpfe „Das ist falsch, falsch, falsch…!“ Der sei aber auch allzu kritisch. Nun ja….! Es war auf jeden Fall nicht daran zu denken, neue, unbekannte Lieder mit ihr zu spielen, da sie zu allem Elend auch die Notation überhaupt nicht verstand.

Am zweiten Tag war jene nicht mehr dabei; dafür stieß eine andere Dame zu uns, der man wenigstens das Zählen nicht erklären mußte, und die auch in der Lage ist, die besondere Notation für dieses Instrument richtig zu lesen. Was sie spielte, war richtig. Nur leider spielte sie so gut wie nichts. Sie warf immer nur ein paar Töne ein, benutzte nur die eine Hand, ließ alle Töne für die andere Hand weg und war irgendwie überhaupt nicht sonderlich betrübt, wenn sie durcheinander kam und ausstieg. Dann hörte sie uns (also den drei anderen Spielern) eben einfach zu und genoß den schönen Klang.

Wenn ich jetzt noch erzähle, daß die dritte Dame im Bunde (also außer mir) am Wochenende zum allerersten Mal in ihrem Leben so ein Instrument in der Hand hielt, aber sich unglaublich viel besser schlug als die beiden anderen Frauen, dann glauben Sie mir wahrscheinlich gar nicht so recht, daß mir das Wochenende tatsächlich Spaß gemacht hat.

Hat es aber. Gut, ich gebe zu, es wäre noch schöner gewesen, wenn das Niveau etwas höher hätte sein können, aber der Unterhaltungs- und Bildungswert war immens. Ich lernte zum einen einiges über menschliche Selbstfehleinschätzung, zum anderen aber auch, daß man als Anfänger doch tatsächlich sofort auf dem Instrument Musik machen kann. Die einzige offizielle Anfängerin in unserer Runde bewies es uns ja aufs Trefflichste.

O Tannenbaum!
Ratespiel

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