Frau Schletterer singt nicht mehr

04
M
Sprachlos
04.03.2016 06:13

Ich bin gemeinhin ein Mensch, der nicht dazu neigt, anderen mit allzu viel Sanftmut zu begegnen. Ich gebe nicht vor, jemanden zu mögen, den ich nicht mag, und ich spreche zwar nicht alles aus, was ich denke, doch ich sage nie etwas, was nicht meiner Meinung entspricht. So würde ich z. B. niemals einen fliederfarbenen Kunstfaserpullover mit Schößchen bewundern, nur weil ihn jemand trägt, den ich mag. Würde ich gefragt, was ich vom Pullover halte, würde ich zugeben, daß er nicht meinem Geschmack entspricht. Normalerweise fahre ich recht gut damit, aber es gibt natürlich auch genügend Leute, die mit meiner direkten und ungeschönten Art nicht gut umgehen können und mich für rüde und in meiner Direktheit für zu brutal halten.

Ich kann aber auch ganz anders wirken, ohne wirklich anders sein zu müssen. Neulich stand ich nämlich in einer Kaufhaustoilette am Waschbecken, um mir die Hände zu waschen, als eine ältere Dame sich neben mich stellte und ebenfalls versuchte, dem Wasserhahn Wasser zu entlocken. Sie drückte oben auf den Hahn, suchte dann nach etwas zum Drehen oder Hebeln, aber es kam einfach kein Wasser. Ich sagte nach einigem Zuschauen zu ihr: “Halten Sie einfach die Hand unter den Hahn, dann läuft das Wasser.“ „Ah ja“, meinte sie da, als genau dies tatsächlich zum Erfolg führte. So wusch sie sich also die Hände und wandte sich dann dem Handtuchspender zu. Mir schien, als sei ihr nicht so recht klar, ob es sich nun wirklich um einen Handtuchspender handelte oder doch eher um ein Gebläse zum Trockenpusten. So hielt sie also in ratloser Erwartung ihre Hände vor den Spalt, aus dem ein Stück Papier hervorkommt, sobald man die Hand vor einen bestimmten Sensor gehalten hat. Den nahm sie aber offenbar nicht wahr, weswegen ich ihr zeigte, wie man das machen muß. Ich hielt meine eigene Hand vor den Sensor, und schon kam – pssssst – ein Stück Papierhandtuch für sie aus dem Ausgabeschacht.

Da lachte sie, legte mir einen Arm um die Schulter, drückte mich leicht und meinte: „Daß es das noch gibt: Leute, die einem helfen!“

Und ich stand da, lachte, wußte nicht so recht, was ich sagen sollte, freute mich und dachte: „Daß es das gibt: Leute, die sich für so einfache und gar nicht mal so rasend herzlich erteilte Hinweise so dankbar zeigen!“

Vom Vit zum Hu
Neue Errungenschaften

Kommentare


Datenschutzerklärung