Frau Schletterer singt nicht mehr

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Fe
Vom Vit zum Hu
19.02.2016 06:51

Gestern probten wir am Programm für das Konzert im Mai.

Noten wurden ausgegeben für ein Magnificat von Francesco Durante (ich dachte sofort: „Ah, ja, ist das nicht der Durante, von dem ich noch nie gehört habe?!“), eine Messe von Haydn und noch ein Stück von Mendelssohn-Bartholdy.

Wir fingen zunächst mit dem Magnificat an. Nettes kleines Stück, das sich sehr gut vom Blatt singen läßt. Und in einem Moment dachte ich sogar, gerade etwas Neues über die Tonleiter zu lernen. Frau Mecker nämlich wandte sich plötzlich an Herrn Hölzel mit den Worten: „Könntest du auf dem Klavier bitte mal den Sprung von dem Vit zu dem Hu spielen? Da waren wir uns im Sopran nicht einig.“ Daß es Töne namens Vit und Hu gibt, war mir bis dato gar nicht bekannt gewesen. Es klärte sich aber rasch auf, wieso nicht: Vit und Hu waren Textsilben aus „…exaltavit humiles…“. Ganz einfach.

Anschließend widmeten wir uns der Messe von Haydn. Eine „Missa brevis“, die den Namen wahrlich verdient! Das ganze Gloria umfaßt nur eineinhalb Seiten(!) - da hätte Mozart locker ein halbes Heft daraus gemacht! Wie schafft Haydn das? Er läßt die einzelnen Stimmgruppen zur gleichen Zeit unterschiedliche Textpassagen des Glorias singen, so daß das eben schneller, in paralleler Abarbeitung erledigt werden kann. Eine Kompaktmesse also, quasi für die Hosentasche.
Auch im Credo bedient er sich dieses Mittels. Als wir am Ende zu der Stelle des „…et vitam…“ kamen, legte ich eine Gedenkminute für meinen Vater ein, weil er nicht müde wird zu erzählen, wie er dereinst eine Messe auf Kassette überspielen wollte und nur noch wenig Band übrig hatte für das Ende des Credo. „Ach“, dachte er sich, „et vitam venturi saeculi, Amen. Das ist ja nicht mehr viel Text, das krieg ich noch drauf.“ Pustekuchen! Es handelte sich im besagten Fall um eine überaus üppige Fuge (wie das nicht selten gemacht wurde in den klassischen Messen), und die paßte natürlich nicht drauf. Aber dieses „et vitam“, das Haydn da geschrieben hatte, pflügt durch den knappen Text mit ebenso knapper Vertonung: jedes Wort wird nämlich tatsächlich genau nur ein Mal gesungen! Das paßt tausendmal auf jede Kassette dieser Welt.

Frau Wassermann war gestern nicht gut drauf. Sie war (zurecht und genau wie ich) etwas angepißt, weil wir nicht (wie angekündigt) am Mozart probten, und sie nun in eine Probe gekommen war für ein Programm, das sie wahrscheinlich gar nicht mitsingen wird. Und für das wir, wie sie sagte, „zehn Knüppel“ für die Noten ausgeben müssen, obwohl wir die gar nicht brauchen. Denn auch ich werde das Konzert nicht mitsingen, obwohl ich zugebe, daß das Programm wahrscheinlich ganz hübsch ist. Es hat mich auf alle Fälle an meine alte Kirchenchorzeit erinnert; aber mitsingen werde ich das Konzert deshalb nicht, weil ich gestern habe feststellen müssen, daß meine Stimme offenbar einen längerfristigen Schaden genommen hat. Das ist, offen gesagt, ziemlich scheiße.

Frechheit siegt... nicht immer!
Sprachlos

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