Frau Schletterer singt nicht mehr

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Fe
Von der Stärke einer Zimmerpflanze
08.02.2017 16:20

Es ist ja durchaus allgemein üblich, daß in Büros mit Blumen oder Stauden für ein wenig Wohnlichkeit gesorgt wird. Zumindest wird das mit Kübelpflanzen unterschiedlichster Größe gern mal versucht.
In unserem Büro ist für einen Bodenkübel mit Grünzeug nicht genug Platz – mal ganz davon abgesehen, daß wir so etwas wohl auch nicht genehmigt bekämen, denn wir sind weder Führungskräfte, noch arbeiten wir in einem ungemütlichen Großraumbüro, wo sowas schon eher mal für ein wenig „Atmo“ herangezogen wird. Unser Büro ist mit den vier Schreibtischen, die dicht aneinander stehen, quasi schon voll. Da bleibt einzig das Fensterbrett, um dort Pflanzen ein Zuhause zu geben.
Mir wäre das völlig egal, ich brauche das nicht. Und auch die anderen sehnen sich nicht wirklich nach einer Bürobegrünung.
Nun ist es aber so, daß zu den Aufgaben unserer Abteilung auch gehört, Einkäufe zu tätigen, bei denen nicht bar, sondern mit Karte bezahlt wird. Die Hintergründe sind jetzt mal nebensächlich – Tatsache ist jedoch, daß diese Einkäufe einen bestimmten Betrag nicht überschreiten sollten, da es sich dabei lediglich um Funktionstests handelt.
Die Kollegin, die immer losläuft, um das zu erledigen, hat in der Stadt, in der wir ansässig sind, nun schon fast jedes Geschäft, das Kartenzahlung akzeptiert, aufgesucht und uns damit schon das ein oder andere Stück Kuchen oder ein wenig Büromaterial beschafft. Nur brauchen wir ja nicht alle Nas‘ lang neue Bleistifte oder Schreibblocks; und auch der Kuchenkonsum sollte in geordneten Bahnen verlaufen, denn schließlich wollen wir uns ja nicht im Namen der Firma die Figur ruinieren. Deshalb kam sie eines Tages mit einer Orchidee und einem Elefantenfuß aus dem Blumengeschäft wieder, die jetzt beide auf unserem Fensterbrett ihr Dasein fristen.
Weniger Beachtung und Pflege als diese beiden Kreaturen kann man auf dieser Welt, glaube ich, nicht bekommen. Nur hin und wieder schütten wir die Reste aus unseren Wasserflaschen in ihre Töpfe, wenn wir diese Reste nicht mehr trinken wollen, weil sie schon länger da stehen. Naja, gut, eine Kollegin rupft noch ab und zu die gelb gewordenen Blätter am Elefantenfuß ab, damit sie nicht auf ihren Schreibtisch rieseln.
Alles in allem fragt man sich also, wieso sich die Orchidee so ins Zeug legt mit dem Blühen. Sie ist nicht aufzuhalten; unermüdlich produziert sie Blüte um Blüte, wie wenn sie uns beweisen wollte, daß sie ein wenig Zuwendung doch verdient hätte.
Ich selber finde Orchideen ja wirklich zum Gähnen. Ich gebe zwar zu, daß so manche Orchidee faszinierende Blütenformen aufweist; aber die unsere blüht in einem schlichten, langweiligen Weiß, und niemand von uns zeigt sich auch nur im Mindesten beeindruckt.
Das einzige, was mich an dem steten Schaffen dieser Blume berührt, ist die Erkenntnis, wie wenig sie sich von der Gleichgültigkeit der Menschen beirren läßt, die sie umgeben und doch so sehr ignorieren. Vielleicht sollte man doch auch mal das tun, was sie tut: sich einfach dem hingeben, was einem selbst im Leben richtig und wichtig erscheint – egal, was andere darüber denken.

 

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