Frau Schletterer singt nicht mehr

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Was ist bieder?
24.03.2017 10:51

Ja, was ist bieder?
Sicher nicht unsere Wohnungseinrichtigung, wie das neulich meine Freundin in den Raum stellte. Sie besah sich dabei unsere Vorhänge im Wohnzimmer, die ich viel eher als „klassisch“ bezeichnen würde.
Solche Vorhänge wie wir hat keiner mehr aus unserem Bekanntenkreis: vor dem Fenster ein weißer, halb durchsichtiger Vorhang, durch regelmäßige Raffungen in sanfte Falten gelegt. Und dann rechts und links klassische Schals, die von der Decke bis zum Fensterbrett reichen. Also Vorhänge, genau wie unsere Eltern sie früher hatten, als man stilistisch auf das Althergebrachte festgelegt war und lediglich den Stoff auswählen konnte.
Damit fallen wir auf. Alle unsere Bekannten folgten in den letzten Jahren konsequent der jeweils herrschenden Gardinenmode. Mal üppige, fast schon römisch über eine meist schwarze Gardinenstange an der Decke drapierte Stoffmassen mit schnörkeligen Stoppern an den Enden der Stange; mal lange Baumwollschals bis zum Fußboden; dann halbtransparente, unterschiedlich lange farbige Stoffstreifen, die in unterteilten Schienen an der Decke entlang und wie Schiebetüren übereinander geschoben werden konnten; und nun die Zeiten, in denen manch einer gar nichts an den Fenstern hat. Was mir im übrigen am besten gefällt.
Nur passt das eben nicht zu unserer Wohnungseinrichtung, die meine Freundin – wie gesagt – vor einiger Zeit als „bieder“ bezeichnet hat.
Und da fing ich an zu überlegen, wie ich dazu komme, Einrichtungen oder Wohnungsdeko als bieder zu empfinden – oder eben nicht.
Ich kam dabei auch durchaus zu einem Ergebnis.
Alles, was irgendwann „mainstream“ ist oder war, wird zumindest später in der Erinnerung als bieder empfunden. 
Ich bin davon überzeugt, daß die Generation unserer Kinder irgendwann davon erzählen wird, wie „Weißt du noch? Diese langweiligen, stufig abgesetzten Schrankwände aus Buche Furnier mit den beleuchtbaren Vitrinen vor den unsäglichen Alcantara-Sofalandschaften in Pastelltönen?“ die Wohnzimmereinrichtung ihrer Eltern bestimmten. Und sehr viele werden lachend diese Erinnerung bestätigen und sich dabei genau so auf die Schenkel klopfen wie wir, wenn wir über die Eßzimmer in „Eiche brutal“ lästern, die unsere Eltern- und Großelterngeneration in den Stuben stehen hatten.
Daß meine Freundin und ich nie eine solche Buchenschrankwand mit beleuchtbarer Vitrine im Wohnzimmer hatten und auch keines der angesagten Lümmelsofas, ist für mich der Grund, warum ich unsere Einrichtung nicht als bieder empfinde, weil sie eben nie dem Mainstream gefolgt ist. Sie ist zugegebenermaßen nicht sonderlich spektakulär, ein wenig rustikal und möglicherweise auch konservativ, aber an unsere Wohnung wird sicherlich keiner denken, wenn über die biederen Gardinenmassen der 2000-er gelästert wird.

 

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