Frau Schletterer singt nicht mehr

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Der richtige Ton
07.03.2024 14:49

Wenn Sie sich im Internet bewegen und vielleicht in Foren unterwegs sind, werden Sie sicher auch schon mal mit der Aufforderung konfrontiert worden sein, den in Forum X üblichen wertschätzenden Umgangston auch für sich zu übernehmen, nie beleidigend zu werden und anderer Leute Meinung stets gelten zu lassen. Gern gesehen ist bei so einem „wertschätzenden Umgangston“ auch, wenn möglichst wenige Ausrufezeichen verwendet werden und Wörter in GROSSBUCHSTABEN gar nicht erst auftauchen. Denn allzu schnell könnte der/die Angesprochene ja den Eindruck gewinnen, Sie wollten ihn bzw. sie virtuell anschreien oder gar beschimpfen.
Auf den ersten Blick klingt das ja wundervoll. Eine Gemeinschaft von Menschen, die nur Gutes im Sinne haben, sich aneinander erfreuen und die gemeinsamen Interessen in ihrem kollektiven Schoß wiegen wollen.
Ist man dann aber schon etwas länger in einem Forum dabei, merkt man irgendwann schon, daß einem auch dort nicht alle sympathisch sind, und die ein oder andere Meinungsäußerung Widerspruch geradezu herausfordert.
Was machen Sie dann? Entsinnen Sie sich der Ermahnung, immer wertschätzend unterwegs zu sein? Und wenn ja: woran machen Sie es fest, welche Äußerung Sie als wertschätzend empfinden?
Worauf ich hinaus will: gar nicht selten kristallisiert sich für mich heraus, daß Wertschätzung in Communitys vor allem den tonangebenden, fachlich kompetenten Sympathieträgern entgegengebracht wird. Wagt man es, diesen Leuten zu widersprechen, wird einem ganz schnell vorgeworfen, daß „hier bitteschön keine Vorwürfe oder Vorhaltungen zu machen seien“, da man sich ja – Sie ahnen es – Wertschätzung auf die Fahne geschrieben hat.
Entspinnt sich hingegen eine Diskussion mit einem Außenseiter, der ja bekannt für seine Beratungsresistenz und Begriffsstutzigkeit ist, werden sehr viel deutlichere Worte verwendet und auch geduldet. Plötzlich äußert sich in der kollektiven Wahrnehmung Wertschätzung darin, dem Gegenüber mit den deutlichen Worten ja nur Gutes zu tun, da er es „anders ja nicht kapiert“.
Ich selbst bin in einem Forum unterwegs, das sich so sehr in seine Wertschätzungskommunikation kuschelt, daß ich es nicht wage, meine Meinung zu äußern, wenn es darum geht, daß sich schon wieder jemand zehn unterschiedliche Füllfederhaltermodelle (Abb. ähnlich) zur Probe hat zuschicken lassen, nur um am Ende doch den allerersten zu nehmen, den er oder sie ausprobiert hat. Und alle sind sie völlig verzückt, weil da wieder jemand so viel Zärtlichkeit in die Auswahl eines Füllers steckt, wo das ja eine Liebe fürs Leben werden soll. Daß mit dem Füllfederhalter am Ende nur Privatbriefe geschrieben werden, und die auch noch mit einer schrecklichen Handschrift, darf da nicht zählen! Wehe mir, wenn ich da wertschätzend und neutral meine Meinung äußerte, daß ich das wohl ziemlich übertrieben finde. Auch wenn ich, um zum Nachdenken anzuregen, anmerken würde, daß ich seinerzeit nur einen einzigen Füller ausprobiert, ihn für gut befunden und deswegen gekauft habe, kämen sicher Einwände, ich dürfe ja wohl kaum von anderen fordern, genau so vorzugehen – zumal wenn es ihnen doch so viel Freude bereitet, die Federn von zehn Füllfederhaltern vierzehn Tage lang krumm zu strapazieren. (Ich möchte nicht wissen, wieviele so ausprobierte Füller (Abb. ähnlich) beim Händler später entsorgt werden müssen, weil sie zum weiteren Verkauf nicht mehr taugen.)
Früher hat man Füller auf jeden Fall anders gekauft. Da ging Mutti ins Schreibwarengeschäft (Abb. ähnlich), griff nach Pelikan oder Geha (Abb. ähnlich) und übergab das gute Stück dem Kinde. Und keines hat je gesagt, daß es doch sooo gerne noch den neuen von Lamy ausprobiert hätte. Denn was hätte man dem gesagt? Genau: ich glaub', 's geht los!

 

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