Frau Schletterer singt nicht mehr

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Ju
Dies und das
23.06.2020 08:39

Letzte Nacht habe ich wieder lange wach gelegen, ich konnte einfach nicht einschlafen. In solchen Nächten geht mir dann immer so einiges durch den Kopf. Meistens fange ich mit dem Denken beim Grund meines Wachbleibens an. Den Mond, den ich früher immer verdächtigt hatte, mußte ich kürzlich frei sprechen, denn beim letzten Mal hatte er eindeutig ein Alibi. Da war nämlich Neumond. Das ist ja auch so ein merkwürdiger Begriff. Warum heißt das „Neumond“? Wird in dieser Zeit der Mond ausgewechselt? Oder doch nur mit Perwoll gewaschen?
Nun gut, ich bin also noch nicht dahintergekommen, wieso ich manches Mal einfach nicht einschlafen kann. Oft habe ich aber auch keine Lust, die ganze Nacht zu verschwenden, um dieser Frage nachzugehen. Also schweifen meine Gedanken mit der Zeit ab.
Ich frage mich dann beispielsweise gerne, warum die Straßenlaterne, die direkt vor meinem Schlafzimmerfenster steht, genau durch das siebte Loch von links im fünften Rolladenspalt von oben in meine Augen leuchtet. Dabei fühle ich mich immer wie bei der Augenärztin, die mich jedes Mal mit diesem fiesen kleinen Lämpchen plagte, mit dem sie meine Netzhaut erhellte. Bei der ersten Retinabetrachtung vor vielen Jahren brach sie in Entzücken aus und trieb meinen Adrenalinspiegel mit den Worten „Sie haben ja einen wunderschönen Grauen Star!“ in die Höhe. Mein Star ist, wie ich dann erfuhr, nicht nur grau, sondern auch angeboren. Und wie gesagt: wunderschön. Erst dachte ich, daß das die Sache auch nicht besser macht. Als die Ärztin mich dann aber tröstete, die Trübungen seien nur am Rand der Linse vorhanden und würden mich sicher nie behindern, beruhigte ich mich etwas. Schön, so sagte sie, schön sei der Graue Star deswegen, weil bei Beleuchtung desselben in meinen Augen viele kleine, kobaltblaue Sternchen aufblitzten. Super!, dachte ich. Das kann ich ja dann mal einsetzen, wenn ich jemandem näher kommen will: „Leucht‘ mir in die Augen, Kleines!“
Wenn mich dann die Straßenlaterne langsam nervt, drehe ich mich auf den Rücken und betrachte die Holztäfelung an der Stubendecke. Die Maserung der Holzplatten beeindruckt mich immer wieder. Der kauzige Alte mit der Hakennase, der an einem Abend auf der Paneele direkt über mir saß, ist am anderen plötzlich nur eine vage Kontur. Dafür sehe ich weiter zur Tür hin manchmal einen Elefanten traben und denke dabei an die Vorabendgottesdienste, die ich als Kind jeden Samstag mit meinen Eltern besuchte. Während der Predigt – wir saßen stets in der ersten Reihe – betrachtete ich immer die marmorierten Bodenfliesen. Ich kann mich erinnern, daß mir auf einer von ihnen jedes Mal ein Höhleneingang erschien. Und bis zum „Amen“ träumte ich davon, wie ich in dieser Höhle die tollsten Abenteuer erlebte.
Daß Religiosität gern mit dem Traum vom Abenteuer einhergeht, liegt bei uns in der Familie. Das Filzstiftgemälde meiner Schwester, das das „Letzte Abendmahl“ darstellte, war wirklich sehr gut gelungen. Meinem Vater schien der Heiligenschein über dem Haupte Jesu allerdings nicht aufgefallen zu sein, denn er fragte seinerzeit beeindruckt, ob das wohl Alibaba und die vierzig Räuber seien. Kein Wunder also, daß ich bis heute mit allzu frommem Gehabe so meine liebe Not habe.
Aber nun zurück zu meinen schlaflosen Nächten. Wie machen Sie das denn mit dem Einschlafen? Zählen Sie Schäfchen, oder memorieren Sie das örtliche Telefonbuch von Ab bis Ku? Irgendwo in diesem Bereich suchte ich übrigens neulich das Restaurant „Zur blauen Tulpe“. Wo würden Sie das suchen? Unter R wie Restaurant? Unter T wie Tulpe? Oder doch unter B wie blau? Ich fand es nach langem Blättern unter G wie Gastronomie. Und fragte mich dabei, ob ich schon jemals eine blaue Tulpe gesehen hatte.
Gasthäusern Namen zu geben, wäre auch ein schöner Beruf für mich. Ich würde sie als echte, ehrliche Aushängeschilder des jeweiligen Etablissements kreieren, denn der Gast soll ja wissen, was ihn erwartet. „Zur pappigen Nudel“ oder „Au maître impoli“ wären doch mal eine schöne Abwechslung zum ewigen „Goldenen Kreuz“, „Weißen Hirschen“ und der „Krone“.
Ach, da fällt mir ein: morgen gibt es bei uns Spaghetti mit Tomatensoße.

 

Besuch beim Tierarzt
Blödelei

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