Frau Schletterer singt nicht mehr

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Was kam 1910 auf den Tisch?
12.02.2020 09:23

„Was wir in den letzten 100 Jahren gegessen haben“ – so lautet die Überschrift einer Bilderfolge in der Online-Ausgabe des „stern“.
Es folgen je Jahrzehnt, beginnend mit 1910, ein Foto einer angeblich für das Jahrzehnt typischen Speise mit einem dazu passenden, kurzen, erklärenden Text.
Grundsätzlich finde ich die Auswahl der Bilder schon treffend; ich teile für die meisten der abgebildeten Gerichte die Ansicht, daß sie typisch für ihre Zeit waren.
Allerdings habe ich mir die Bilderfolge wieder einmal nur angesehen, weil die Überschrift so kacke ist. Wir(!) haben nämlich mehrheitlich nicht "in den letzten 100 Jahren" was gegessen, sondern – ich unterstelle jetzt mal einen Durchschnitt – maximal in den letzten 65 Jahren.
Nun, es mag sein, daß der eine oder die andere in sogar wesentlich weniger als diesen geschätzten 65 Jahren eine Nahrungsmenge zu sich genommen hat, die für 100 Jahre ausgereicht hätte. Aber ich gehe nicht davon aus, daß die Überschrift diesem Umstand Rechnung tragen will.
Ich komme nicht dahinter, ob hinter diesen immer wieder so schlampig gewählten Formulierungen eine Absicht steckt (nämlich die, solche Leute wie mich, die sich dadurch irritiert fühlen, in die Artikel hineinzulocken), oder ob der/die jeweilige Autor/in es einfach nicht besser konnte.
Daß die sprachliche Präzision und Qualität in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten abgenommen haben, ist ja allgemein anerkannt. Aber mittlerweile empfinde ich persönlich das nicht mehr nur als Anlaß zum Zähneknirschen, sondern ab einem gewissen Maß der Schlampigkeit als Respektlosigkeit gegenüber der Leserschaft. Ich bin der Meinung, jede/r Autor/in sollte sich die Mühe machen, eine möglichst gute Sprache zu verwenden; schließlich macht die Leserschaft sich ja auch die Mühe, die Texte zu lesen.
 

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